Corona-Tagebuch #3 | 16.03. – 22.03.

16.03.
Am ersten Tag der Schulschließung sind 97% der Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte im digitalen Schulhaus eingeloggt. Es werden 8.706 Nachrichten geschrieben, am Ende der Woche werden es über 50.000 sein. Dass eine tragfähige Lehrer-Schüler-Beziehung ein wichtiger Gelingensfaktor für schulisches Lernen ist, wissen wir nicht erst seit der Hattie-Studie. Nun, in diesem für alle Beteiligten ganz neuen Lernszenario, gilt es, sich dieser Beziehungen zu vergewissern, was nur über Präsenz und Kommunikation möglich ist. Interessant ist, dass unter uns Lehrkräften die Zahl der Mails schlagartig sinkt; die informelle Kommunikation wird fast komplett auf den schnelleren Chat und Voice-/Videocall verlagert.

An den ersten drei Tagen bieten wir eine Telefonhotline für technischen Support an. Das wird zwar weniger beansprucht als befürchtet, dennoch ist einiges los: Mittels Fernwartungstools werden heimische Rechner fit gemacht, Passwörter zurückgesetzt und Handys/Tablets mit den nötigen Apps versehen. Einzelne Schüler versorgen wir mit schulischen Geräten und die ersten Familien melden sich, die so entlegen wohnen, dass bei ihnen weder DSL noch mobiles Internet verfügbar ist. Da stoßen wir an unsere Grenzen. Klar gibt es das Telefon, aber auf die Dauer wird eine permanente 1:1 Betreuung nicht durchhaltbar sein; je nach Fach unterrichtet ein Lehrer einer weiterführenden Schule über 200 Schülerinnen und Schüler.

In einem Infobrief an die Schüler beschreiben wir, wie das Lernen weitergehen kann, wie die Kinder und Jugendlichen ihre Lehrkräfte und die Schulleitung kontaktieren können und was dabei wichtig ist:

Du kannst die digitalen Klassenzimmer auch nutzen, um mit deinen Mitschülerinnen und Mitschülern in Kontakt zu bleiben; Schule besteht ja nicht nur aus Lernen. Wie im Schulhaus auch, ist es wichtig, dass ihr auch online freundlich und höflich miteinander umgeht; bitte denke daran, dass du dich sozusagen in unserem „virtuellen Schulhaus“ bewegst und dort die gleichen Regeln gelten wie sonst auch!

Weil wir damit rechnen, dass die Technik bei dem erwarteten Ansturm wegen der flächendeckenden Schulschließung und gleichzeitigem Rückzug zahlreicher Menschen ins Homeoffice zeitweise ausfallen könnte, verweisen wir auch auf die vielen Lernangebote im Netz, die u.a. der öffentlich-rechtliche Rundfunk in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft hat.

Auch die Personen, die im Schulalltag unabhängig vom Unterricht beratend und unterstützend zur Verfügung stehen, sind eng in die digitale Schule einbezogen. Die medienpädagogischen Berater sind z.B. für Probleme im Chat erreichbar, genauso wie die Verbindungslehrkräfte. Für die Schulsozialpädagogin, den Schulpsychologen und die Beratungslehrerin wollen wir eine telefonische Erreichbarkeit schaffen. Leider ist es scheinbar nicht mehr möglich, Prepaid-Handys auf Organisationen zu registrieren; zumindest wird mir das so bei der Telekom und im Vodafone-Shop mitgeteilt. Dann müssen es eben Prepaid-Karten aus dem Discounter tun, die ich auf mich registriere.

Ich verbringe viel Zeit im #twitterlehrerzimmer und sauge die Ideen auf, die die engagierten Kolleginnen und Kollegen dort einbringen. Die starke Sharing-Mentalität dort begeistert mich. Unter anderem entdecke ich dort diese Anregung, die ich mit in den Schülerbrief aufnehme:

17.03.
Die Kommunikation mit Busunternehmen, Reiseveranstaltern, Hotelbetreibern, etc. nimmt immer noch viel Zeit in Anspruch. Es gibt noch keine offizielle Aussage, was mit Fahrten im weiteren Verlauf des Schuljahres, also im Mai, Juni, Juli geschehen soll; bei allen Beteiligten an diesem Themenkomplex ist große Unsicherheit spürbar.

18.03.
Das auswärtige Amt spricht eine Reisewarnung für alle Länder der Welt aus. Eine Jugendherberge stellt sich auf den Standpunkt, dass das auswärtige Amt ja nur für das Ausland sprechen würde; Reisen in Deutschland wären davon nicht betroffen, kostenfreie Stornierungen seien also weiterhin nicht möglich. Im Schulhaus wird die unerwartete Pause dazu genutzt, Wartungs- und Renovierungsarbeiten vorzuziehen und eine Grundreinigung vorzunehmen.

19.03.
Das Kultusministerium verschiebt die Abschlussprüfungen um zwei Wochen nach hinten und damit auf den spätestmöglichen Termin, wenn man die Sommerferien nicht antasten will. Auch wenn das die schulinternen Zeitpläne ordentlich staucht (eine Woche weniger Zeit für Korrekturen und Konferenzen), ist die Entscheidung absolut richtig und nimmt etwas den Druck von den Abschlussjahrgängen.

20.03.
Lehrkräfte können sich freiwillig für eine Abordnung an die Gesundheitsämter melden. Am Ende werden es über 1000 Personen sein, die dazu ihre Bereitschaft erklären. Mich erreichen erste Presseanfragen, wie es denn mit der „Schule dahoam“ angelaufen sei.

21./22.03.
Das Wochenende nutze ich, um den Elternvortrag für die Wahl der Fächergruppen aufzuzeichnen und für die Eltern der 6. Klassen online zur Verfügung zu stellen. Powerpoint-Karaoke vom Feinsten; mehrfach muss ich in den Lehrplänen nachlesen, um zu verstehen, worüber ich da eigentlich spreche.

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