Corona-Tagebuch #9 | 27.04. – 03.05.

Krisen während Krisenzeiten

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Es geht am Beginn dieses Beitrags nicht (oder nur rahmenbildend) um die große „Corona-Krise“. Es geht darum, dass in einer (Schul-)Gemeinschaft von mehreren hundert Personen immer ein Teil durch eine persönliche Krise geht. Immer. Das sind oft kleine Krisen (wenn Ella aus der 7e lieber mit Felix aus der 8f zum Eisessen gehen möchte), häufig mittlere Krisen (wenn Erfolg trotz großer Anstrengung ausbleibt; wenn sich trotz intensiver Bemühungen kein Ausbildungsplatz findet), regelmäßig schwere Krisen (wenn Eltern sich trennen, wenn geliebte Großeltern sterben) und immer wieder auch schwerste Krisen: Eltern sterben, teilweise nach langer Krankheit, Geschwister oder die Schüler*innen selbst erkranken schwer oder haben Unfälle, Kinder erleben Bedrohung oder Gewalt und werden vom Jugendamt von einem Tag auf den anderen aus dem Elternhaus geholt. Ereignisse der letzten Kategorie gehören gottseidank in der ländlichen Idylle des Tegernsees nicht zum Tagesgeschäft. Aber wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, dann verging kaum ein Schulhalbjahr, in dem nicht mindestens ein Kind (mit seiner ganzen Familie) durch ein solches Ereignis komplett aus der Bahn geworfen wurde und sich das Leben von einem Moment auf den anderen komplett geändert hat. Dann ist es gut, wenn Menschen da sind, die sich kümmern. Das sind oft Schulpsycholog*innen, Schulsozialpädagog*innen, empathische Lehrkräfte, oft externe Fachkräfte und immer auch Klassenkamerad*innen. Sie trösten, sie begleiten, sie hören zu und sie nehmen in den Arm.

Krisen halten sich weder an Schulöffnungspläne noch an Hygienevorschriften. Und so bleiben sie auch jetzt nicht aus. Wir erfahren davon, können aber kaum begleiten, weil die Kinder zuhause sind. Oder wir erfahren gar nicht erst davon, weil wir beim Online-Unterricht die Augen des Kindes nicht sehen, das gern etwas loswerden würde. Oder wir erfahren davon, sind aber in der Begleitung der Situation auf uns allein gestellt, weil die Fachkräfte, die uns unterstützen könnten, nicht zur medizinischen Grundversorgung gehören und deshalb nicht kommen dürfen. Und wie ist das jetzt mit der Einhaltung des Abstandsgebots, wenn Jugendliche sich in den Arm nehmen möchten, um einander zu trösten? Soll die Lehrkraft dazwischen gehen, das verhindern?

Wiederaufnahme des Unterrichts

Seit Montag sind die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse wieder im Haus. Wie überall haben wir Tische auseinandergestellt, Hygienekonzepte entworfen und kommuniziert und einen Sonder-Stundenplan gebastelt. Das lief alles erstaunlich problemlos. Natürlich ist es unbefriedigend, nur Frontalunterricht oder Einzelarbeit machen zu können; aber die Jugendlichen und die Lehrkräfte haben ihren Humor behalten und so fühlt es sich in der Schule zumindest wieder ein bisschen nach Schule an.

Angesichts der strengen Regeln und der Einschränkungen v.a. im didaktisch-methodischen Bereich stellten sich vorab – insbesondere im #twitterlehrerzimmer – viele Kolleginnen und Kollegen aber auch die Frage, ob nicht gut gemachter Fernunterricht dem Präsenzunterricht unter diesen Bedingungen überlegen wäre?

Ich fand das ganz überzeugend und habe ja in meinem Beitrag hier auch ähnlich argumentiert. Die Rückmeldungen aus der ersten Woche und auch ein recht klares Votum aus Eltern- und Schülerschaft der 9. Klasse „Pro Präsenzunterricht“ lassen mich aber nachdenklich bleiben. 72% der Eltern und 63% der Schüler*innen befürworten Präsenzschule auch unter „Corona-Bedingungen“ (Abstand, Frontalunterricht, Hygieneregeln, Maskenpflicht im Bus, etc.) gegenüber der Fortsetzung des reinen Online-Unterrichts, auch wenn das Feedback zum digitalen Fernlernen nach wie vor positiv ist. Aber es ist halt nicht dasselbe.

Ein Problem ist, dass ein Teil der Eltern und der Jugendlichen, die lieber weiter von zuhause lernen würden, echte Angst vor dem Virus und vor einer Ansteckung in der Schule hat. Ein weiteres Problem ist, dass v.a. die Eltern sich wünschen, dass an den Tagen, an denen die Kinder dann nicht zur Schule gehen, der digitale Fernunterricht weiter stattfinden soll. Das wird aber auf Dauer nicht zu leisten sein, da die Lehrkräfte an diesen Tagen ja dann andere Schüler*innen in geteilten Gruppen unterrichten sollen. Nachdem das aber aller Voraussicht nach der Zustand der nächsten Wochen sein wird, ist das unsere „Hausaufgabe“ für die nächste Woche: Ein methodisch-didaktisches Konzept zu entwickeln, das (eher kürzere) Phasen des Präsenzlernens mit Phasen des digitalen Fernunterrichts verschränkt und das in beide Richtungen atmen kann, damit es nicht bei jeder Änderung angepasst werden muss und das dabei auch von der Belastung der Lehrkräfte her machbar bleibt.

Was war sonst noch in der vergangenen Woche?

Aus der Schweiz kam eine (inzwischen zurückgenommene) spannende Idee zur Vermeidung von Schmierinfektionen bei Prüfungskorrekturen:

In der WELT ist am 23.04. ein Artikel erschienen, in dem zwei Redakteure ihrem elterlichen Frust über das Handeln der Schulen ihrer Kinder in der Corona-Krise freie Bahn lassen. Obwohl ich eigentlich entschieden hatte, mich über so pauschales Lehrer-Bashing nicht mehr aufzuregen, habe ich trotzdem den beiden Autoren am vergangenen Sonntagabend eine Mail geschrieben mit der Kernbotschaft, dass sie mit ihrem Rant halt auch all diejenigen Lehrkräfte abwatschen, die sich im Moment wirklich Mühe geben, an den Kindern dran zu bleiben. Zu meiner positiven Überraschung hat sich Nando Sommerfeldt dann bei mir gemeldet und sich ein bisschen was über unsere Arbeit erzählen lassen und darüber in der WELT AM SONNTAG von heute berichtet:

Auch wenn der Titel „Lehrer als digitale Avantgarde“ natürlich Quatsch ist, hat es mich doch gefreut, dass die Kritik gelesen und aufgenommen wurde; weniger erfreulich ist der typische Fokus: Es kommen zu Wort: Fünf Männer, zwei Frauen. Dreimal Gymnasium, einmal Gesamtschule, einmal berufliche Schule, einmal Realschule. Die weibliche Perspektive kommt zu kurz, die der Grund-, Haupt-/Mittel- und Förderschulen fehlt ganz. Und das, obwohl Gespräche stattgefunden haben:

Spannend bleibt die Frage, wie die Rahmenbedingungen für den zweiten Schritt der Schulöffnung ab dem 11. Mai konkret aussehen und wann wir sie bekommen werden. Manche Modelle (Beschulung 9./10. Klasse im tageweisen Wechsel) würden einfacher, andere (gleichzeitige Beschulung oder Wechsel während des Tages) mit Blick auf die Zahl der Waschbecken und die Herausforderungen der Schülerbeförderung kaum umzusetzen sein. Wir werden sehen.

Und noch das persönliche „Bisserl mehr“ dieser Woche:

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