Corona-Tagebuch #13 | 15.06. – 28.06.

Transparenz und Beziehungspflege

Die erste Woche nach den Pfingstferien nutzen wir, um Transparenz zu schaffen und Beziehungen zu pflegen. Neben den Wochenplänen erhalten alle Eltern eine tabellarische Übersicht, wie die Mischung aus Präsenz- und Fernlernen im jeweiligen Fach ganz konkret organisiert werden soll:

Außerdem führen wir einen „Digitalen Elternsprechtag“ durch, was bei allen Beteiligten auf viel Zuspruch stößt.

Digitalpakt

Immer wieder stellen derzeit vor allem Politiker*innen (überwiegend der Opposition) oder Medien die Frage, warum denn die Mittel aus dem Digitalpakt der Bundesregierung scheinbar so zögerlich abgerufen werden, hier zum Beispiel. Bisweilen werden dann auch Überschriften gewählt, die den Schulen die Verantwortung dafür in die Schuhe schieben, zum Beispiel:

Schulen rufen kaum Geld aus dem Digitalpakt ab.

Das ist natürlich Quatsch, da eine Schule überhaupt keine Mittel aus dem Digitalpakt abrufen kann. Verantwortlich dafür sind die Sachaufwandsträger. Und die wiederum müssen sich an die Bedingungen halten, unter denen die Fördermittel abgerufen werden können. Welche das sind, lässt sich für den Digitalpakt („Digitale Bildungsinfrastruktur an bayerischen Schulen“) den Vollzugshinweisen entnehmen, die für Bayern am 21. Februar 2020 erschienen sind. Der zeitliche Ablauf wird darin so beschrieben:

  1. Einholen der Bestätigungen zu den Zuwendungsvoraussetzungen
  2. Maßnahmenplanung auf Basis der Medienkonzepte der jeweiligen Schulen; dabei Überprüfung des Ausstattungsplans der schulischen Medienkonzepte sowie Erweiterung derselben auf Basis der im Mediencurriculum definierten Schwerpunkte
  3. Überprüfung der zu beschaffenden IT-Ausstattung bzgl. der festgelegten technischen Mindestkriterien; ggf. Begründung der Abweichungen
  4. Ausfüllen der zentral bereitgestellen Antragsmappe
  5. Elektronisches Einreichen der Antragsmappe einschl. Antragsformulare sowie der Anlage zur Sicherstellung von Wartung und Pflege
  6. Prüfung des Zuwendungsantrags; Erlass des Bewilligungsbescheids
  7. Vorbereitung der Maßnahmendurchführung und Vergabeverfahren
  8. Maßnahmendurchführung
  9. Vorlage des Verwendungsnachweises
  10. Prüfung der Verwendungsnachweise und Mittelauszahlung

Das Verfahren ist also durchaus komplex und zeitaufwändig. Die Höhe der zu vergebenden Beträge macht in der Regel ein EU-weites Vergabeverfahren notwendig, was allein schon mehrere Monate dauern kann. Wenn jetzt also jemand den Schulen oder den Sachaufwandsträgern den Vorwurf macht, warum die Notebooks vier Monate nach Erscheinen der Vollzugshinweise nicht längst in den Klassenzimmern stehen, spricht daraus im besten Fall Ahnungslosigkeit oder die Person verfolgt damit eine andere Agenda, z.B. Schulen, Lehrkräfte und die damit verbundene Verwaltung oder auch Ministerien oder Kultuspolitik in ein schlechtes Licht zu rücken.

Das alles beschäftigt mich gerade, weil natürlich auch wir überlegen, wie wir die Medienausstattung unserer Schule weiterentwickeln können:

Zeugnisfeier

Auch unter den gegebenen Umständen sollen die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klassen ihre Zeugnisse in einem würdigen Rahmen erhalten. Den Abschlussball mussten wir leider schon absagen, aber ich hoffe, dass eine Feier im Klassenverband im Beisein der Eltern und mit einer kleinen Umrahmung mit Musik- und Redebeiträgen möglich sein wird. Dafür haben wir einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung nach §5 der 6. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (BayIfSMV) beim örtlichen Gesundheitsamt gestellt und nach den ersten Rückmeldungen dazu bin ich verhalten optimistisch, dass das möglich sein könnte – immer vorausgesetzt natürlich, das Infektionsgeschehen bleibt ruhig und es kommt zu keinen neuerlichen Verschärfungen der Vorschriften.

Übrigens wird in den Zeugnissen heuer nichts speziell zur Corona-bedingten Lage stehen; darüber berichtet der Münchner Merkur am 27.06.:

Münchner Merkur, 27.06.2020

Ich verstehe dahinter die Motivation, keinen Jahrgang im Zeugnis als „Corona-Jahrgang“ abzustempeln; außerdem stellt sich natürlich auch die Frage, was man denn eigentlich bewerten würde: das Engagement und die Leistung der Schüler*innen oder derer Eltern? Trotzdem finde ich das persönlich auch schade, weil es in unserem Schulsystem zwei formelle Formen der Wertschätzung gibt: Noten und Zeugnisbemerkungen. Natürlich lebt das fortlaufenden Lernen vom informellen persönlichen Feedback der Lehrkräfte und im allerbesten Fall sind Aufgaben so gestellt, dass sie aus sich heraus Lernmotivation entfalten und Schüler*innen die Auseinandersetzung damit und die Bewältigung der Herausforderung als lohnend erfahren. Man darf aber auch nicht so tun, als gäbe es den formellen Rahmen, in dem Schule in Deutschland stattfindet, auf einmal nicht mehr. Und dann besteht die Gefahr, dass Schüler*innen zur Ansicht kommen, sie hätten sich „umsonst“ angestrengt, wenn es denn für die Leistungen weder Noten noch gute Zeugnisbemerkungen gibt.

Wir möchten am Ende des Schuljahres Engagement und Leistungen während dieser eigenartigen Zeit deshalb auch formell honorieren; das wird dann wahrscheinlich so (oder so ähnlich) aussehen (mit herzlichem Dank an die Lehrkräfte, die das überlegt und gestaltet haben):


Ansonsten gab’s natürlich in diesen zwei Wochen auch wieder viel Kritik an Schule und Lehrkräften; den Preis für den ahnungslosesten Debattenbeitrag hat sich meines Erachtens der „Digitalexperte“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Tankred Schipanski verdient, der hier so wiedergegeben wird:

CDU-Netzpolitiker Tankred Schipanski fordert, Lehrer während der Sommerpause zu Digitalkursen zu verdonnern, um das schulische „Corona-Desaster“ zu stoppen.

Im Text wirft er dann noch den Lehrkräften vor, sie würden den Datenschutz als Ausrede verwenden, um sich vor der Digitalisierung zu drücken (Datenschutz: Gibt es nun Bußgelder gegen Lehrer?). Außerdem würden die Mittel aus dem Digitalpakt Schule zu langsam abgerufen (siehe oben) und als Lösung des Problems führt er die HPI Schulcloud ins Feld, die sicher ein spannendes Projekt darstellt, deren staatliche Millionenförderung man aber durchaus auch kritisch sehen kann und die darüber hinaus auch mit ganz trivialen Problemen zu kämpfen hat.

Lehrprobe vor 50 Jahren

Mein persönliches „Bisserl mehr“ dieser Woche ist mir beim Ausräumen unseres Kellers in die Hände gefallen:

Ein ganzer Ordner mit Lehrproben meines Vaters aus der Zeit von 1966 bis 1982. Die Seiten oben stammen von 1969. Ich finde es …

  • … bemerkenswert, dass sich diese Prüfungsform in immerhin 50 Jahren (!) kaum verändert hat,
  • … befremdlich, welche Kriterien seinerzeit zur Beschreibung der Sozialstruktur herangezogen wurden,
  • … beeindruckend, dass regelmäßige „Hausbesuche mit Beratungen“ damals eine ganz normale Form der Kontaktpflege zwischen Schule und Elternhaus waren und
  • … brandaktuell, mit welch klaren Worten die „didaktische Besinnung“ dieser Geschichtsstunde einsetzt.

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