Ambiguitätstoleranz | Corona-Tagebuch #17

03.10. – 16.10.2020

Noch immer kein Fall an der Schule, gottseidank. Ringsum steigt die Zahl der positiven Tests rasant an, in meinem Heimatlandkreis Berchtesgadener Land liegt die Inzidenz deutlich über 100, etliche bekannte Lehrkräfte sind in Quarantäne, die Schulen wieder im Schichtbetrieb.

Die Politik rät dringend zur Reduzierung der Kontakte und zur Einhaltung von Abstandsgebot und Hygieneregeln. Die Schulbusse, Gänge, Klassenzimmer sind voll. Viele Lehrkräfte sind erschöpft und agieren in einer dauerhaften Anspannung zwischen Ansteckungsgefahr, der Möglichkeit, in Quarantäne oder in den Schichtbetrieb zu gehen, einer Flut amtlicher Schreiben und Anordnungen, Mehrarbeit wegen der ausgedünnten Personaldecke und Notendruck. Der BLLV spricht von „Notbetrieb“, andere empfinden den Schulstart als gelungen. Der Landtag trifft sich in Teilbesetzung, bis die neue Lüftungsanlage in Betrieb und Plexiglasscheiben montiert sind. Eine AFD-Politikerin verletzt einen Fraktionskollegen, weil sie im Streit eine solche Scheibe einschlägt. Die Konferenz der Kultusminister tagt online, ein persönliches Treffen wird als zu gefährlich erachtet.

Bemerkenswert äußert sich Eva Gottstein, bildungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion (FW) und stellv. Vorsitzende im Bildungsausschuss (Zitat aus dem Protokoll der Sitzung des bayerischen Landtags vom 08.10.2020, Hervorhebung durch mich):

Die Lage an den Schulen als Notstand zu bezeichnen, ist in meinen Augen eine Frechheit, ist eine Angstmache, eine Panikmache. Das steht überhaupt nicht im Zusammenhang mit der Realität. Man muss sich auf der Zunge zergehen lassen, dass wir fast 100 % Regelunterricht haben. […]

Die vielen Lehrerinnen und Lehrer draußen beklagen keinen Notstand, sondern sie freuen sich.

(Zuruf)

Doch! Sie sind zufrieden. Gehen Sie hinaus und fragen Sie!

Dank eines ausgeprägten beruflichen Ethos gelingt es vielen Schulen tatsächlich, einen Notbetrieb zu vermeiden. Aber dabei von Freude zu sprechen, ist absurd. Wir akzeptieren die Realität und kämpfen mit aller Macht, Schule auch in dieser Ausnahmesituation für die Schüler:innen und für die Gesellschaft am Laufen zu halten; Freude dürfte das aber wohl kaum jemandem machen.

Ich erhalte viele Anfragen zu unserer digitalen Arbeit; insbesondere zu den Dienstgeräten und zum digitalen Elternsprechtag. Für die ALP Dillingen halte ich im Rahmen des Kongresses für die Schulleitungen der Grund- und Mittelschulen eine e-Session darüber, wie man mit Teams einen digitalen Elternsprechtag abwickeln kann. Zugleich wissen wir noch gar nicht, ob die vom Ministerium zur Verfügung gestellte Teams-Instanz über den Oktober hinaus verlängert wird.

In der KMK besteht Einigkeit, dass Lüften die beste Methode ist, um Corona an Schulen beizukommen. In Ergänzung zum 17-seitigen Rahmenhygienekonzept gibt es dafür vom Umweltbundesamt jetzt einen vierseitigen Flyer, wie man richtig lüftet.

Ein Kommentar

  1. Hier ähnlich. Noch kein positiver Fall als eine der wenigen Schulen im Landkreis, 7-Tage-Werte um die 70. Wir rechnen alle mit Schichtbetrieb nächste Woche, aber noch gibt es nichts vom Landratsamt dazu. Stimmung eher positiv, viel guter Wille, aber eher unabhängig vom Kultusministerium – von dem fühle ich mich nicht enttäuscht, aber ich habe auch nichts erwartet. Und sonst ja, kognitive Dissonanz allerorten.

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