Peripetie | Corona-Tagebuch #20

23.11. – 12.12.2020

Nach dem zweiten Akt ( –> Tagebucheintrag #18 – rasanter Anstieg der Infektionszahlen und damit einhergehende Zuspitzung der Situation) scheinen wir uns nun dem Höhepunkt („Peripetie“) des Dramas der zweiten Welle zu nähern. Kurz zusammengefasst ist Folgendes geschehen:

  • Der „Lockdown light“ (Schließung der Gastronomie und der Freizeitangebote, Offenhalten der Schulen und des Handels) hat sich als weitgehend wirkungslos erwiesen.
  • Die Infektionszahlen, die Auslastung der Intensivstationen und die Zahl der Toten steigt weiter; zuletzt meldete das RKI täglich knapp 30.000 neue Infektionen und rund 500 Corona-Tote.
  • Die These, dass Schulen „sichere Orte“ oder gar „Bremsklötze der Pandemie“ seien, erweist sich immer mehr als nicht zutreffend, Kinder sind genauso ansteckend wie Erwachsene.
  • Die Schließung von Schulgebäuden hat einen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung der Pandemie.

Nun sind ja drei Wochen seit meinem letzten Tagebucheintrag vergangen und es ist nicht so, dass die oben dargestellten Fakten schlagartig die politischen Entscheidungen beeinflusst hätten; das passiert alles in kleinen Schritten, mit bisweilen auch überraschenden Wendungen:

Früherer Beginn der Weihnachtsferien

Ende November wird entschieden, dass die Weihnachtsferien zwei Tage früher beginnen sollen; die Schüler*innen sollen am 20. und 21. Dezember nicht mehr in die Schule kommen, um einen gewissen Puffer für Weihnachten zu schaffen. Der letzte Schultag wäre dann der 18. Dezember, also sechs Tage vor Heiligabend. Bemerkenswert bei dieser Zeitspanne ist: Personen in Quarantäne gehen gewöhnlich am 5.-7. Tag zum Test, das entspricht der mittleren Inkubationszeit.

Warum diese beiden Tage nicht für die Erprobung der Konzepte für den Distanzunterricht genutzt würden, hat der Kultusminister bei einer Pressekonferenz sinngemäß so erklärt, dass an den letzten beiden Tagen vor Weihnachten der Unterricht traditionell in besonderer Weise stattfinden würde und man sich nur schwer habe vorstellen können, das digital abzubilden. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Eltern insbesondere jüngerer Schüler*innen nicht besonders angetan wären, ihre Kinder an diesen beiden Tagen so kurz vor Weihnachten zusätzlich zum eigenen Job auch noch beim Lernen daheim zu begleiten; vielleicht wollte man dieser Diskussion auch aus dem Weg gehen. Für die älteren Schülerinnen und Schüler hätte ich mir auch einen früheren Beginn der Pufferzeit (z.B. 10 Tage vor Heiligabend) mit vollständigem Übergang zum Distanzunterricht bis 22.12. gut vorstellen können, aber ich bin da vermutlich nicht repräsentativ. Und die Wahrscheinlichkeit ist ja gar nicht mal so gering, dass die Schulgebäude doch nicht bis 18.12. geöffnet bleiben, wir werden sehen.

Den Preis für den wohl kuriosesten Schlingerkurs beim vorgezogenen Ferienbeginn hat sich Baden-Württemberg verdient: Nachdem Ministerpräsident Kretschmann im Einklang mit den anderen Ländern den früheren Beginn mitgeteilt hatte, kam einige Tage später das Kommando zurück: Die Schulen bleiben doch auf. Begründung: „Die Kultusministerin wollte das nicht.“ Dieses Hin und Her hat den „Netzlehrer“ Bob Blume zu einem furiosen Rant veranlasst.

Weitere Maßnahmen Anfang Dezember

Im Zuge dieser Entscheidung wurde auch mitgeteilt, dass ab Inzidenz 200 die Klassen ab der Jahrgangsstufe 8 in den Wechselbetrieb gehen sollen, mit Ausnahme der Abschlussklassen. Das klingt weitreichend, tatsächlich wird die Zahl der gleichzeitig Anwesenden dadurch aber gar nicht so stark reduziert, an einer durchschnittlichen Realschule wären rund 17% weniger Personen im Haus.

Kurzfristige Änderungen

Nachdem sich Tag für Tag deutlicher abgezeichnet hat, dass die erhoffte Wirkung des „Lockdown light“ nicht eintritt, gab es in den vergangenen Wochen immer wieder Veränderungen und Verschärfungen. Diese erreichten die Schulen meist zuerst über die Presse und dann einige Zeit später in Form von Schreiben aus dem Ministerium, dann bisweilen ergänzt mit unvorhergesehenen Aspekten. Beispielhaft dafür steht die Entscheidung in Bayern, ab dem 9. Dezember ungeachtet der regionalen Inzidenz die Klassen ab der Jahrgangsstufe 8 (ohne Abschlussklassen) in den Wechselbetrieb zu schicken. Angekündigt wurde die Entscheidung im Ministerrat am Sonntag, 06.12. Das KMS mit den voraussichtlichen Änderungen (der Landtag hat final erst am Dienstagnachmittag darüber beraten) kam dann am Dienstag gegen 14 Uhr, also nur einen halben Tag vor dem Inkrafttreten. Darin stand dann auch, dass in den betroffenen Klassen keine schriftlichen Leistungsnachweise mehr vor Weihnachten stattfinden dürfen, was insofern einen gewissen Kommunikationsbedarf nach sich gezogen hat, weil die meisten Schulen für die Prüfungen schon individuelle Lösungen mit den Schüler*innen vereinbart hatten, die nun wieder zurückgenommen werden mussten.

KN 95 – Masken für Bayerns Schulen

Über die Schulämter wurden an alle Schulen in Bayern Masken verteilt. Zunächst hieß es, es seien FFP2-Masken, tatsächlich waren es dann KN95-Masken, die teilweise in der Kritik stehen, die aber nach Einschätzung des bayerischen Gesundheitsamts den gleichen Standards entsprechen wie FFP2-Masken. Zahlenmäßig war das überschaubar, rechnerisch gab’s zwei Stück pro Lehrkraft.

Drohender Vertrauensverlust?

Das Hin und Her der nationalen Bildungspolitik, die immer wieder kurzfristig mitgeteilten Änderungen und der Eindruck, dass die Gesundheitsfürsorge hinter der Betreuungsfunktion von Schule zurückstehen würde, sorgt bei einigen im Internet präsenten Lehrkräften für Frust und teilweise auch Resignation:

Der Effekt dürfte in den unterschiedlichen Bundesländern unterschiedlich stark auftreten; insgesamt lese ich das aber schon öfter und höre entsprechendes auch in den Gesprächen mit befreundeten Lehrkräften. Das ist eine heikle Sache, weil gute Schule davon lebt, dass Lehrkräfte sich über das Maß engagieren. Ganz entgegen dem Klischee des typischen Beamten erlebte ich bisher die allermeisten Lehrkräfte so, dass sie sich stark mit ihrem Beruf identifizieren und sich für ihre Schülerinnen und Schüler auch über das Erwartbare hinaus engagieren. Sollte sich in der Breite ein Gefühl mangelnder Wertschätzung verfestigen, könnte das weitreichende Konsequenzen haben; eine Schule, in der ein großer Teil der Lehrkräfte Dienst nach Vorschrift macht, möchte ich mir nicht vorstellen.

Passend dazu hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) eine Studie vorgelegt, bei der zu mehreren Zeitpunkten Schulleitungen zu ihrer Berufszufriedenheit befragt wurden und auch wenn es erfreulich ist, dass viele Schulleiter*innen ihren Job nach wie vor gerne machen, ist die Veränderung doch bemerkenswert:

Quelle: https://www.vbe.de/fileadmin/user_upload/VBE/Service/Meinungsumfragen/2020-11-26_Charts_forsa-SL_DSLKII_Bund.pdf
Informationsveranstaltung für die Mitglieder des Kreistags

Nachdem im Frühjahr 2020 der Kreistag neu gewählt wurde und sich weiterhin keine Möglichkeit ergeben dürfte, das Gremium zu uns in die Schule einzuladen, haben wir zu einer Online-Veranstaltung eingeladen. Etwa 40 Minuten lang habe ich über die Geschichte der Schule, die Organisation des Distanzlernens im Frühjahr und die aktuellen Herausforderungen gesprochen, danach wurde rund eine Stunde lang intensiv diskutiert. Auch die Presse war bei der Veranstaltung dabei und hat sehr positiv berichtet:

Problematisch ist ganz offensichtlich die Bebilderung von Pressetexten zu digitalen Veranstaltungen; wir sollten uns hier ganz schnell einen gewissen Fundus anlegen; das oben (wieder-)verwendete Foto mag wohl keiner mehr sehen…

Am 10.12. hat dann auch noch der Münchner Merkur im Bayernteil groß über die Chancen und Herausforderungen des digitalen Unterrichts berichtet und dafür im Vorfeld mit uns gesprochen:

Digitale Elternsprechtage

In der vergangenen Woche durfte ich dann gleich bei zwei digitalen Elternsprechtagen dabei sein: Einmal als Vater beim Sprechtag der Schule meiner Kinder, einmal bei uns. Beide Termine waren ähnlich organisiert (Buchung der Termine via ESIS bzw. Schulmanager online, Durchführung der Gespräche mit Teams, wobei die Lehrkräfte die Familien über die Accounts der Kinder mit Video anrufen) und das hat, wie schon beim letzten Mal, völlig problemlos geklappt. Das Feedback ist wiederum sehr positiv, sowohl die Lehrkräfte wie auch die Eltern berichten von sehr angenehmen und hilfreichen Gesprächen – dieses Format hat sich bewährt und wird als Option definitiv auch über Corona hinaus in unserem Werkzeugkasten bleiben.

Und sonst so?

Ein oder zweimal in der Woche schaffe ich es auf den Berg; das bringt Abstand und weitet den Blick:

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