Digitale Schule der Zukunft: Zwischenfazit

Digitale Medien und Werkzeuge eröffnen vielfältige Möglichkeiten zur Information, Kommunikation und kreativen Arbeit. Verfügen alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse über ein mobiles Endgerät, kann digital begleitetes Lernen in allen Unterrichtsfächern reibungslos, kreativ und individuell realisiert werden. Analoge und digitale Medien greifen dabei ineinander und ermöglichen eine abwechslungsreiche und zeitgemäße Unterrichtsgestaltung. Der verantwortungsvolle Umgang mit den Geräten wird im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern intensiv reflektiert und eingeübt. So werden sie fit für die digitale Gegenwart und die Anforderungen der Zukunft. (Projektziel)

Vorgeschichte

Sich den Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu stellen und moderne Technologien für das Lernen in der Schule zu nutzen, beschäftigt mich, seitdem ich Lehrer bin. Vor zehn Jahren durfte ich das Projekt „Referenzschule für Medienbildung“ schulintern betreuen und dank der hervorragenden Unterstützung durch unseren Sachaufwandsträger finden wir in unserem Schulhaus bestmögliche Rahmenbedingungen für digital begleitetes Lernen vor: flächendeckendes WLAN, Gigabit-Anbindung, Beamer, Dokumentenkameras und Notebooks in jedem Raum, dazu IT-Räume und mehrere iPad-Koffer.

Zunehmend kamen in den letzten Jahren auch schülereigene Geräte im Unterricht zum Einsatz: In den höheren Jahrgangsstufen brachten einige Jugendliche Tablets oder Notebooks mit und auch Smartphones können zur Recherche und Kommunikation gut verwendet werden. Immer wieder wurde in den schulischen Gremien auch die Ausstattung ganzer Klassen mit digitalen Endgeräten diskutiert; der unklare Rechtsrahmen und besonders auch die mit einer elternfinanzierten Geräteausstattung verbundenen Kosten hielten uns bislang jedoch davon ab, diesen Weg einzuschlagen.

Unterstützung durch das Kultusministerium

Zum Schuljahr 22/23 änderte sich das: Das Kultusministerium rief das Projekt „Digitale Schule der Zukunft“ ins Leben, das zum Ziel hat, ganze Jahrgangsstufen mit digitalen Endgeräten auszustatten, um zeitgemäße Konzepte zum digital unterstützten Lernen in der Schule zu erproben. Die Geräte werden von den Erziehungsberechtigten erworben; diese erhalten dafür einen staatlichen Zuschuss in Höhe von 300 Euro. Nach mehreren Elternabenden, Konferenzen und unzähligen Einzelgesprächen sprachen sich eine überwältigende Mehrheit der Eltern (> 90%) wie auch die schulischen Gremien für eine Projektteilnahme aus – los ging’s.

Erste Schritte

Die Rahmenbedingungen des Pilotprojekts sehen vor, dass die Schule vorgeben kann, welche Geräte verwendet werden. Unterschiedliche Modelle wurden geprüft: Das Projektteam hat heterogene Ausstattungsvarianten (Notebooks / Tablets mit verschiedenen Betriebssystemen nach eigener Wahl) und einheitliche Modelle (Geräte mit Linux, Windows, ChromeOS oder iPadOS mit und ohne Touch/Stiftbedienung) nach Vor- und Nachteilen abgewogen; am Ende fiel die Entscheidung für eine einheitliche Ausstattung mit iPads.

Als äußerst aufwändig erwies sich der Beschaffungsprozess: Da sich die Geräte im Eigentum der Eltern befinden, müssen auch die Eltern selbst eine Auswahl treffen und die Bestellung tätigen. Freilich kriegen das die meisten Familien gut hin; insbesondere beim Auftreten von Sprachbarrieren ist aber bisweilen auch viel individuelle Unterstützung nötig.

Danach mussten alle Tablets in ein „Mobile-Device-Management“-System eingebunden werden, damit die Schule die Möglichkeit hat, zentral beschaffte Apps einheitlich auf alle iPads auszuspielen. Zugleich wurden Geräte für die Lehrkräfte beschafft und die Kolleginnen und Kollegen bei mehreren Fortbildungen geschult. Die Eltern beantragten die Förderung (ein mehrseitiger Antrag auf Papier) und wir in der Schulverwaltung mussten alles einzeln prüfen, gegebenenfalls fehlende Unterlagen nachfordern, falsche Angaben korrigieren und die überprüften Anträge schließlich gesammelt beim Landesamt für Schule zur Auszahlung einreichen.

Unterstützung durch Sponsoren

Bildungschancen dürfen nie vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Deshalb kam für uns eine Projektteilnahme nur in Frage, wenn neben der staatlichen Förderung weitere Möglichkeiten der Unterstützung bestehen. Der Förderverein rief das Projekt „Zukunftspaten“ ins Leben: Unternehmen oder Privatpersonen unterstützen finanziell; mit dem Geld wird die Wartezeit auf die staatliche Förderung überbrückt, der verbleibende Elternbeitrag übernommen oder es können auch Leihgeräte bereitgestellt werden.

Start in den Klassen 7 und 8

In der ersten Unterrichtswoche nahmen wir die Geräte mit den Schülerinnen und Schülern in Betrieb, installierten alle nötigen Anwendungen und setzten gemeinsam die richtigen Einstellungen (zum Beispiel fürs automatische Backup). Dank der ebenso sorgfältigen wie zeitaufwändigen Vorbereitungsarbeiten durch die projektleitenden Lehrkräfte während der Sommerferien lief diese Inbetriebnahme reibungslos. Eine Kollegin hatte für alle Fächer wunderbare Titelseiten für die digitalen Hefte gezeichnet, sodass der „normale“ Unterricht mit den iPads schnell beginnen konnte.

Einen eigenen Rant wäre das Thema „Digitale Schulbücher“ wert. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Schulbuchverlage ganz überwiegend kein Interesse daran haben, dass digitale Materialien genutzt werden: Vom Lizenzerwerb über deren Freischaltung bis hin zum Vorrücken am Schuljahresende sind die Prozesse bei jedem Verlag völlig anders, aber fast immer unsinnig mühsam und eine „Klick-Orgie“, die Mitarbeiter mehrere Tage Zeit kostet. Wieso hier nicht einfach ein KMS-Server verwendet wird, der anonym ausgegebene Lizenzen bis Null runterzählt und zum Schuljahresende alle wieder freigibt, weiß der Kuckuck; nutzerfreundlich ist das jedenfalls nicht.

Entdecken der neuen Möglichkeiten

Digitale Hefte und Schulbücher, schnelle Recherchen im Internet, unkomplizierter Austausch von Materialien und Nachrichten – diese Nutzungsmöglichkeiten sind selbsterklärend. Besonders spannend für uns war und ist es, die darüber hinausgehenden Möglichkeiten differenzierten, individuellen und kreativen Lernens zu erschließen: So sehe ich zum Beispiel regelmäßig Gruppen von Schülerinnen und Schülern verteilt im Schulhaus sitzen und konzentriert an ihren Aufgaben arbeiten. Da werden „Listenings“ im eigenen Tempo angehört, digitale Präsentationen und Plakate erstellt, Hörspiele und Videos aufgenommen und Quizübungen gelöst oder selbst erstellt. Diese Lernergebnisse fließen immer mehr auch in die Leistungsbewertung mit ein, sodass insbesondere in den Nebenfächern die klassische „Ex“ ein Stück weit in den Hintergrund treten kann.

Evaluation

Am Beginn des zweiten Halbjahres befragten wir Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern zu ihren bisherigen Erfahrungen mit den digitalen Lernbegleitern. Die Zwischenergebnisse stimmen uns positiv: So finden zum Beispiel 80% der Schülerinnen und Schüler es gut oder sehr gut, dass sie mit den iPads lernen können; 18% haben eine neutrale Haltung, nur 2% sprechen sich dagegen aus. Auch bei den Eltern ist die Zustimmung hoch, 70% stehen voll dahinter, nur knapp jeder Zehnte ist kritisch. Die digitalen Schulbücher werden von allen Seiten sehr gelobt. Insgesamt wird die Technik als äußerst zuverlässig wahrgenommen; ein Nebeneffekt dieser Verlässlichkeit ist, dass Material fast ausschließlich digital verteilt werden kann, wodurch die Zahl der Kopien in den Projektklassen auf fast Null gesunken ist.

Auch die Befürchtung mancher, dass sich durch das Schreiben auf dem Tablet die Handschrift verschlechtern würde, hat sich nach Einschätzung der Eltern und der Jugendlichen nicht bestätigt; viele bemerken keinen Unterschied, bei einigen melden uns die Eltern gar zurück, dass sich Ordnung und Sauberkeit der Hefteinträge verbessert hätten.

Dankbar waren wir auch für kritisches Feedback; manche Eltern haben zum Beispiel Bedenken, was die „Bildschirmzeit“ betrifft und einige Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrkräfte merkten das große Ablenkungspotential digitaler Geräte an. Das Projektteam wertete alle Ergebnisse sorgfältig aus; die Erkenntnisse daraus werden unsere Arbeit im zweiten Projektjahr wesentlich leiten.

Persönliches Zwischenfazit: Macht das alles Sinn?

Ich bin schon lange davon überzeugt, dass schulisches Lernen ab einem gewissen Alter am besten funktioniert, wenn die Jugendlichen dabei auch die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen können. Je nach Unterrichtsfach, rechtlichem Rahmen und persönlichem Erfahrungsschatz der Lehrkraft erschließt sich das mehr oder weniger schnell und natürlich ist diese Veränderung (wie alle einschneidenden Veränderungen) auch mit großen Herausforderungen verbunden. Richtig bleibt es trotzdem.

Also ja, ich finde eine 1:1-Ausstattung ab einem gewissen Alter unbedingt sinnvoll und die Erfahrungen aus diesem ersten Jahr „Digitale Schule der Zukunft“ bestärken mich auch darin.

Aber:

Das gewählte Modell, Privatgeräte der Familien im Rahmen einer gemischt privat-schulischen Nutzung zu verwenden, überzeugt mich persönlich nicht. Die Konsequenzen, die diese Struktur nach sich zieht, sind weitreichend und überwiegend negativ:

  • Schulen müssen sehr viele Ressourcen einsetzen für die Koordinierung und Begleitung des Bestellprozesses, die Abwicklung der Förderung sowie die Klärung aller Probleme und Fragen, die sich aus der gemischt schulisch-privaten Nutzung ergeben.
  • Die Schul-IT muss sich durch die ausdrücklich vorgesehene private Nutzung der Geräte noch intensiver mit Fragen der Datensicherheit auseinandersetzen, weil Einschränkungen der Geräte (z.B. durch MDM) die private Nutzung nicht (zu sehr) beeinträchtigen dürfen und zugleich aber Privatgeräte immer ein gewisses Risiko für die schulische Infrastruktur bedeuten.
  • Die Einbindung von privaten Geräten in ein schulisches MDM ist auch ganz grundsätzlich in verschiedener Hinsicht mit weitreichenden Fragen verbunden.
  • Eltern müssen sich noch mehr mit medienpädagogischen (ggf. auch technischen) Fragen auseinandersetzen, weil ein weiteres technisches Gerät zur privaten Nutzung mit in den Haushalt kommt; dabei erwarten nicht wenige auch kompetente und bisweilen umfangreiche Betreuung und Support (technisch und pädagogisch) von der Schule.
  • Lehrkräfte müssen sich (noch mehr) mit der Frage befassen, welches Ablenkungspotenzial durch die ja auch privat genutzten Geräte mit in den Unterricht getragen wird.

Im beruflichen Umfeld wäre eine solche Konstellation (Arbeitnehmer erhält Zuschuss und kauft sich dann ein Gerät, das er sowohl für die Arbeit wie auch privat einsetzt) dann auch eher ungewöhnlich.

Als Vorteil steht daneben für den Staat eigentlich nur eine gewisse finanzielle Ersparnis durch den Elternanteil, der aber (in unserem Fall) mit einem Betrag von ca. 200 Euro pro Schüler*in (das wären 4 Euro pro Monat) sehr gering ausfällt.

Ich würde mich daher nach heutigem Stand eher dafür aussprechen, die schulische und private Nutzung zu trennen: Jede*r Schüler*in könnte ein digitales Endgerät fürs schulische Lernen leihweise erhalten, ohne eigenen Kostenanteil. Dann kann die Schule die Geräte so auswählen und verwalten, dass sie das schulische Lernen optimal unterstützen; der komplette Overhead mit Beschaffung, Förderanträgen, privaten Apps, etc. fällt schlagartig weg und diese frei werdende Zeit könnte genutzt werden für unsere Kernaufgabe: die Kinder und Jugendlichen bestmöglich beim Lernen zu begleiten!

Bild: Dall-E3 via BingChat

PS: Einen sehr lesenswerten Erfahrungsbericht des ersten Jahres im Projekt hat Sebastian Schmidt aufgeschrieben: https://www.flippedmathe.de/2022/09/15/tabletklassen-vernetzen-vernetzen-vernetzen/

6 Kommentare

  1. Hallo Tobias,

    Schöner Bericht, danke. Warum lasst ihr das MDM nicht einfach weg und eliminiert damit auf einen Schlag drei von fünf Punkten auf deiner total nachvollziehbaren „Probleme-Liste“?
    Wir sind auch im zweiten Jahr bei dSdZ dabei (mittlerweile Jgst 8-10 am Gym) und genau die Punkte waren es, die uns dazu gebracht haben, die Beschaffung und Einrichtung der iPads in Schüler-/Elternhand zu geben. Läuft bei uns im Großen und Ganzen sehr gut.
    Hilfreich war auch das vom Elternbeirat organisierte Angebot, dass technisch versierte Eltern bei Fragen in Sprechstunden und per Mail zur Verfügung standen. Da war die Hemmschwelle sicher niedriger, als bei den Lehrern der Kinder anzufragen.

    Viele Grüße
    Martin

    1. Das MDM ermöglicht einerseits, Apps zu den deutlich günstigeren Edu-Konditionen zu erwerben und zentral auszuspielen (z.B. im Rahmen des für DSdZ verfügbaren Medienbudgets), sodass Eltern kein Geld für Anwendungen ausgeben müssen, andererseits eröffnet es auch Möglichkeiten, das Classroom Management technisch zu unterstützen, indem die privaten Apps (Tiktok, Insta, Snapchat, etc.) während des Unterrichts ausgeblendet sind. Aber ja: Die Frage, ob die Geräte in ein MDM eingebunden sind oder nicht, ist sicher zentral und es spricht einiges dafür, es nicht zu tun.

      1. Hallo Tobias,

        vielen Dank für diesen Beitrag.

        Ich hätte Interesse an den Ergebnissen des Projektteams, dass heterogene und homogene Gerätevarianten verglichen hat.

        Wäre es möglich darin Einblicke zu erhalten? Auch ich bevorzuge eine homogene Ausstattung und erhoffe mir weitere Argumente.

        Wie seid ihr mit SuS umgegangen, die gerade ein neues Windows Tablet oder Laptop gekauft haben?

        Grüße Sven

        1. Hallo Sven,

          wir wollten uns möglichst wenig mit Technik und möglichst viel mit Pädagogik befassen; das geht am einfachsten, wenn alle mit der gleichen Technik arbeiten, mit der sich dann auch die Lehrkräfte in den Grundzügen auskennen. Außerdem ist nur so gewährleistet, dass via MDM von der Schule beschaffte Anwendungen verteilt werden können; auch die von vielen gewünschten Einschränkungen privater Apps (insb. Tiktok, Snap, Insta, etc.) während des Schulvormittags sind nur in einheitlichen Landschaften umsetzbar. Es gibt noch eine Reihe weiterer guter Gründe dafür und dagegen, wir können gern telefonieren; schreib mir einfach eine Mail, wenn das für dich interessant wäre.

          Den Fall, dass gerade ein anderes Neugerät beschafft wurde, hatten wir nur einmal (Wiederholer in ein erhöheren Jahrgangsstufe); der Schüler verwendet sein Gerät jetzt einfach weiter und wir nutzen das, um Erfahrungen zu sammeln.

          Viele Grüße
          Tobias

  2. Wir haben seit 2016 für jeden Schüler, den wir Lerner nennen, Laptops zentral beschafft, was die Eltern 30€ im Monat kostet. Im Laufe ihrer Schullaufbahn erhalten Sie insgesamt zwei Laptops mit kompletten Service und Austauschgeräten. Alle Lizenzen werden von uns gekauft. In jeden Klassenraum steht ein Prediaboard der Firma Heutink. Wir haben 20 Server. Das Ganze wird von unserer eigenen kleinen IT Abteilung mit zwei Mitarbeitern betreut. Jede Lehrkraft erhält zudem einen Dienst Laptop und ein Diensthandy. Oranien-Campus Altendiez

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