Abschlussrede – sharing is caring

Wie im letzten Beitrag schon beschrieben, ist das Schuljahresende auch die Zeit der salbungsvollen Worte. Ich rede eigentlich gern öffentlich und ich schreibe auch gern Reden. Das fällt mir normalerweise nicht schwer, aber dieses Schuljahr war so mühsam und kräftezehrend, dass mir am Ende nicht mehr viel eingefallen ist; man könnte es fast eine Schreibblockade nennen. Und nachdem das mit der Inspiration zum Jahresberichtes-Vorwort über social media schon so gut funktioniert hat, habe ich Twitter nochmal eine Frage gestellt:

Und binnen kürzester Zeit durfte ich mich von einer Sammlung von Zitaten, Aphorismen, klugen Gedanken, Texten und Ideen inspirieren lassen. Besonders berührt hat mich die Rede von Elke Noah, auf Twitter unter @klassenkrempel zu finden; vielen lieben Dank an alle fürs Teilen ihrer Gedanken – sharing is caring! Das kam am Ende dabei raus:


Liebe Absolventinnen und Absolventen,
sehr geehrte Ehrengäste, liebe Eltern und Erziehungsberechtigte,
liebe Vertreter des Elternbeirats,
liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,


wie schön, dass wir heute hier zusammen sind, um gemeinsam am Ende eurer Realschulzeit euren Erfolg zu feiern. Es war lange nicht klar, ob und in welchem Rahmen Feierlichkeiten überhaupt möglich sein würden; umso mehr bin ich dankbar für diese Gelegenheit – es wäre doch sehr schade und eurer Anstrengung und Leistung auch überhaupt nicht gerecht geworden, hätten wir uns nur still, klein und leise voneinander verabschiedet.

Rund 100 Schülerinnen und Schüler sind heuer zur Abschlussprüfung angetreten, fast alle haben bestanden, mehr als ein Viertel davon mit einer Eins vor dem Komma. Dazu gratuliere ich herzlich, ihr könnt stolz auf euch sein!

Ich möchte mich heute in meiner kurzen Ansprache an vier Sprüchen oder Zitaten entlanghangeln. Und keine Sorge, ich malträtiere Sie jetzt nicht mit lauter griechischen Philosophen; wir sind eine Realschule, da darf es etwas bodenständiger bleiben. Der erste Spruch stammt aus unserem wunderbaren bayerischen Sprachraum – Sie kennen bestimmt die Aussage „A Hund isser scho“ und angelehnt daran lautet mein erstes Zitat:

Du konnst ned oiwei da Hund sei, manchmoi bist a da Baam.

Ich möchte nicht alle Einzelheiten dieser verrückten letzten anderthalb Jahre aufzählen, aber: Wir waren schon viel Baum und sehr ange…nervt und geplagt von diesem Pandemie-Hund:

Quarantäneanordnungen, Wechselunterricht, Distanzunterricht, Onlineaufgaben, Teams-Meetings, Abstandsgebot, Maskenpflicht, Hygienekonzepte, Testpflicht, und und und. Das alles musste bewältigt werden und noch dazu musstet ihr auf so Vieles verzichten, allem voran auf die Abschlussfahrten und leider auch auf den Abschlussball. Aber im Leben verläuft nicht immer alles nach Plan; manchmoi bist eben a da Baam, das mussten wir in großer Deutlichkeit erfahren.

Das zweite Zitat stammt von Helmut Schmidt, dem fünften Bundeskanzler Deutschlands, der vor 70 Jahren als umsichtiger Krisenmanager bekannt wurde, nachdem eine Sturmflut weite Teile Hamburgs unter Wasser gesetzt hatte. Er hat gesagt:

Charakter beweist sich in der Krise.

Und ihr liebe Absolventinnen, liebe Absolventen, und auch ihr, liebe Lehrerinnen und Lehrer, habt Charakter gezeigt, und wie. Unaufgeregt und souverän habt ihr euch als gemeinsames Team den Herausforderungen gestellt und sie bewältigt. Ich möchte ein Beispiel nennen: Wir hatten eine Phase, in der in der Schule nur mit Abstandsgebot unterrichtet werden durfte. Für eine recht große 10. Klasse haben wir, um sie nicht aufteilen zu müssen, dafür ein Klassenzimmer in der Turnhalle eingerichtet, mit einer mächtigen Leinwand und Mikrofonanlage für die Lehrkräfte. Nun bewegt man sich aber normalerweise in einer Sporthalle, deshalb ist die Temperatur dort nicht so hoch und wenn nicht regelmäßig Sportunterricht und Vereinssport stattfindet, dann kühlt so ein Riesenraum ganz schön aus. Aber ihr habt nicht gejammert und gehadert, ihr habt das Problem gelöst: Ihr habt dicke Jacken angezogen, Teppiche gegen kalte Füße ausgerollt und ein paar Heizlüfter aufgestellt. Und dann ging’s weiter.

Ihr habt, wir haben Charakter bewiesen. Und deswegen ärgert es mich umso mehr, wenn Journalist*innen oder Politiker*innen nun von einer „verlorenen Corona-Generation“ sprechen. Was für ein Unsinn, das Gegenteil ist der Fall! Ihr habt Eigeninitiative und Selbständigkeit, Ausdauer, Flexibilität, Medienkompetenz, Lernbereitschaft, Teamfähigkeit, Widerstands- und Kommunikationsfähigkeit gezeigt. Hätte ich ein Unternehmen, genau solches Personal würde ich suchen: Menschen, die bewiesen haben, dass sie in Krisen nicht aufgeben, sondern gemeinsam anpacken, um ihre Ziele zu erreichen. [1]

Aber nicht nur hier im Schulhaus wurde Charakter bewiesen, auch Sie, liebe Eltern und Erziehungsberechtigte, haben Krisenfestigkeit gezeigt. Einen jungen Menschen in der Pubertät immer wieder zur selbständigen Arbeit zu motivieren, wenn es so viele Ablenkungsmöglichkeiten gibt, ist nicht immer einfach, insbesondere wenn man, wie so viele Menschen im Tegernseer Tal, womöglich auch selbst von der Pandemie massiv gebeutelt wurde. Dafür zolle ich Ihnen meinen größten Respekt, dafür danke ich Ihnen sehr.

Ich komme zu meinem dritten Zitat, das mir eine ganz liebe Schulleiter-Kollegin in den vergangenen Tagen mit auf den Weg gegeben hat. Es geht dabei um unsere emotionale Bewertung von schwierigen Umständen und es lautet so:

Es muss nicht unbedingt schlecht sein, wenn dein Leben auf dem Kopf steht. Das ist wie bei einer Ketchup-Flasche: Manchmal kommt dann einfach mehr raus.

Was könnte nun diese Mehr sein? Welche Chancen stecken drin in so einer krisenhaften Situation?

Ein Beispiel im Kleinen waren die Wochen, in denen nur ihr, die Abschlussklassen, mit euren Lehrerinnen und Lehrern, hier im Haus wart und alle anderen Klassen im Distanzunterricht. Auch wenn mir die anderen ein bisschen leid getan haben, war das für euch, glaube ich, ganz komfortabel und für die Prüfungsvorbereitung sicher eine gute Grundlage.

Größer gedacht erschüttern Krisen Systeme. Wenn ein System erschüttert wird und ein bisschen ins Wanken gerät, ergeben sich Chancen für Veränderung. Und wenn ihr euch unsere Welt so anschaut und den Blick über die Bilderbuch-Landschaft des Tegernseer Tals hinaus richtet, dann seht ihr sofort, dass diese Welt Veränderung dringend nötig hat; ganz egal, ob es um die immer ungerechter werdende Verteilung von Wohlstand und Reichtum geht, um den Klimawandel, um politisch auseinanderdriftende Gesellschaften. Im Song „Deine Schuld“ von den Ärzten heißt es; und damit komme ich zum Ende:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Das ist die Chance, die jede Krise – auch diese – uns bietet: Es entsteht ein Gestaltungsraum, den wir nutzen können, um Dinge zu hinterfragen und anders, besser zu machen. Und mit dieser Aufgabe, immer wieder zu hinterfragen, zu prüfen, um am Ende – im Kleinen oder im Großen – diese Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, entlasse ich euch heute aus unserer Realschule Tegernseer Tal.

Das ist eine große Aufgabe, eine große Verantwortung und zur Entlastung sage ich euch: Es reicht, wenn ihr morgen damit anfangt. Heute ist ein Tag der Freude, der Unbeschwertheit, des Feierns, ein Moment des Erfolges. Genießt ihn, diesen Moment und haltet ihn fest, so wie wir es im nächsten Lied für euch singen.

Schee war’s mit eich, basst’s auf eich auf und übertreib’s as ned!


[1] Vgl. Elke Noah: Link


Und danach haben wir, wie immer, noch gesungen:

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