IT-Strategie an Schulen: Wie geht’s weiter?

Teil 1: Unterricht und Zusammenarbeit

Der plötzliche Übergang zum Distanzunterricht im März 2020 hat schonungslos offenbart, dass die Digitalisierung an Deutschlands Schulen in den vergangenen 25 Jahren weitestgehend verschlafen wurde. Seitdem ist einiges passiert:

  • Lehrkräfte haben mit größtem Einsatz pragmatische Lösungen gefunden, um trotz fehlender Konzepte und mangelhafter Ausstattung den Unterricht auf Distanz zu ermöglichen.
  • Umfangreiche Förderprogramme wurden aufgesetzt, um die Ausstattung zu verbessern.
  • Die Fortbildungsbereitschaft der Lehrkräfte hat alle Erwartungen übertroffen.
  • Viele Bundesländer haben eigene Plattform-Lösungen aufgesetzt, erweitert oder angekündigt.
  • Der Datenschutz ist in den Fokus der Debatten gerückt; vielerorts wurden Tools, die pragmatisch ausgewählt worden, von den Datenschutzbeauftragten wieder kassiert.

Reibungsverluste und Verunsicherung

Diese Veränderungsprozesse sind leider nicht planvoll abgelaufen, sondern krisenbedingt chaotisch und oft auch gegenläufig. Dadurch sind erhebliche Reibungsverluste, Ärger und Unsicherheit entstanden, denn es ist natürlich frustrierend, wenn Lehrkräfte und Schüler*innen sich intensiv in die Nutzung einer Plattform einarbeiten und die Plattform dann kurz darauf wieder aufgegeben wird, weil sie entweder zu teuer ist oder auf einer roten Liste der Datenschützer steht. Am Beispiel Baden-Württembergs kann man das ganz gut aufzeigen: Zunächst ist die vom Land selbst entwickelte Lernplattform „Ella“ gescheitert, dann hat der Landesdatenschützer einen Pilotversuch mit Microsoft 365 wegen inakzeptabel hoher Risiken abgebrochen und schlussendlich wurde nun allen Schulen, die ihre Schulhomepages, Moodles, etc. auf den landeseigenen Servern im Projekt Belwü betrieben haben, mitgeteilt, dass sie sich andere Anbieter auf dem freien Markt suchen sollen. Das ist alles andere als motivationsförderlich.

In Bayern ist es nicht ganz so dramatisch: Zwar wird das vom KM zur Verfügung gestellte Teams-Angebot zum Schuljahresende eingestellt, wobei dieser Dienst von Beginn an als temporäre Lösung angekündigt war. Schulen haben die Möglichkeit, den Tenant zu übernehmen und weiterhin selbst zu betreiben. Parallel dazu wird das Projekt „Bayern Cloud Schule“ weiter entwickelt, als jüngster Baustein ist die Videokonferenzsoftware „Visavid“ dazugekommen; breite Erfahrungswerte dazu fehlen noch (hier eine erste Analyse). Das bayerische staatliche Angebot besteht damit zum momentanen Zeitpunkt aus der Dienstmail, mebis (mit der Lernplattform moodle) und der Videokonferenzsoftware Visavid.

Wie geht es jetzt weiter?

Welchen Weg soll eine Schule jetzt einschlagen, um die während Corona erworbenen digitalbezogenen Kompetenzen möglichst mitzunehmen in die Normalisierung des Schulalltags? Auf welche Geräte und Dienste soll man setzen?

Für mich persönlich habe ich fünf Dimensionen für die Entscheidungsfindung herausgearbeitet:

  • Funktionalität: Welche Geräte und Tools bieten uns die Funktion, die wir brauchen?
  • Usability & User Experience (UX): Wie einfach und intuitiv können sich Schüler*innen und Lehrkräfte diese Funktionalität erschließen? Wie gern arbeiten sie damit? Wie integriert ist das System (braucht es z.B. mehrere verschiedene Logins)?
  • Administrativer Aufwand: Wie schwierig ist das Tool einzurichten? Wer kümmert sich bei Problemen? Wie aufwändig sind die regelmäßigen Pflegearbeiten?
  • Kosten: Welche Kosten fallen für Einrichtung, Pflege, Lizenzgebühren und Fortbildung an? Dabei sind auch versteckte Risikokosten zu berücksichtigen: Wer hilft uns, wenn wir ein Problem haben und was kostet das?
  • Planungssicherheit: Schulen sind träge Systeme. Eine Lernplattform für 100 Lehrkräfte und 1000 Schüler*innen in Betrieb zu nehmen, ist zeitaufwändig und komplex. In diesem Bereich steckt für mich auch das Datenschutzthema mit drin: Wenn aufgrund der Debattenlage oder aufgrund von Präzedenzfällen die Befürchtung besteht, dass ein Dienst vom Landesdatenschützer für die schulische Nutzung untersagt werden kann, vermindert sich dadurch die Planungssicherheit enorm und die Frage, ob man sich als Schule mit diesem Tool auf den Weg macht, muss sehr ernsthaft abgewogen werden. Das hat dann auch viel mit Politik zu tun und weniger mit einer Auseinandersetzung auf der Sachebene: Wenn eine Konferenz der obersten Datenschützer z.B. bei Teams eine Entscheidung mit 9:8 Stimmen trifft, wäre es schlicht vermessen, sich hier als Laie ein Urteil zuzutrauen.

Man könnte auch noch andere Schwerpunkte mit einbeziehen, die ich persönlich aber nachrangig betrachte, zum Beispiel:

  • Kompetenzerwerb: Welche übergeordneten digitalbezogenen Kompetenzen erwerben die Schüler*innen bei der Arbeit mit einem Tool? Welche berufsvorbereitenden Kompetenzen erwerben Sie (z.B. bei der Arbeit mit Software, die eine hohe Marktpräsenz hat)?
  • Digitalpolitische Aspekte: Ist die Software quelloffen (Open Source)? Welche Firma verdient daran?
  • Datenschutz: Während ich für mich die Datenschutzfragen rein pragmatisch unter dem Aspekt der Planungssicherheit verorte, kann man diesen Aspekt auch grundsätzlich bewerten: Wo sind die Daten gespeichert und halte ich den Anbieter diesbezüglich für vertrauenswürdig?

Strategien

Strategisch konsistent würden sich meines Erachtens dann mindestens vier grundsätzliche Wege ergeben (und natürlich Mischformen daraus):

A) Auf Nummer Sicher: Diese Schule setzt ausschließlich auf Hard- und Software, die entweder vom Land selbst angeboten und betrieben wird oder die wenigstens in offiziellen Dokumenten ausdrücklich empfohlen ist („Whitelisting“).

B) Do-it-yourself: An dieser Schule gibt es digitalaffine Lehrkräfte, die davon überzeugt sind, dass die beste Lösung immer noch die ist, die man selbst im Keller stehen hat oder bei denen man die gemieteten Barebone-Server selbst administrieren kann.

C) Usability first: Funktionalität und das Benutzererlebnis stehen als Auswahlkriterium bei dieser Schule ganz oben. Was sich nicht ausdrücklich aus offensichtlichen Gründen verbietet, wird genutzt.

D) Usability first (aber auf deutsch): Grundsätzlich tickt diese Schule ähnlich wie bei Strategie C; die Debatte um Datenschutz und den Cloud Act hat die Schule aber nachhaltig verunsichert. Deshalb vermeidet sie vorsichtshalber Produkte von US-Firmen (außer beim Betriebssystem, bei der Standard-Bürosoftware, bei Tablets, bei … – ja, das ist unlogisch. Ist aber so). Diese Schule entscheidet sich dann oft für verhältnismäßig teure Bildungs-Komplettlösungen deutscher Anbieter.

Vorteile / Nachteile der einzelnen Strategien

Jeder dieser Ansätze hat Vorzüge und Risiken. Die wichtigsten Punkte aus meiner Sicht sind:

Was bedeutet das konkret für die Entscheidungsfindung?

Ich unterscheide (nicht völlig trennscharf) die Bereiche „Schulorganisation und -verwaltung“ (z.B. Kommunikation mit den Eltern, Absenzen, Notenverwaltung, Zeugnisdruck, Stunden- und Vertretungsplan, etc.) sowie „Unterricht und Zusammenarbeit“. Um die Anforderungen und Möglichkeiten im Bereich „Organisation und Verwaltung“ kümmere ich mich im zweiten Teil dieses Textes, hier zunächst meine Anforderungen an die Funktionalität im Bereich „Unterricht und Zusammenarbeit“:

Daraus lassen sich dann Matrizen erstellen, hier mal am Beispiel einer bayerischen Schule nach Strategie A (Dienstmail, mebis, Visavid) und einer Schule, die nach Strategie C vorgeht (und z.B. mit Teams arbeitet). Die Punktevergabe ist ganz subjektiv, wobei hier in jedem Teilbereich bis zu 5 Punkte vergeben wurden und am Ende auf eine Gesamtpunktzahl von 10 umgerechnet wird, um die Gewichtung zu den anderen Entscheidungsdimensionen nicht zu verzerren:

Gewichtet man alle fünf Bereiche gleich, lassen sich daraus z.B. Netzdiagramme erstellen, die die Auswahlentscheidung erleichtern können:

Noch treffsicherer wird die Entscheidungsfindung, wenn die Schule für jeden Bereich auch eine Gewichtung vorgibt, z.B. so:

10 Punkte sind dabei das Maximum in jeder Kategorie. Die Bewertungen der unterschiedlichen Lösungen bleiben oben und unten gleich, es ändert sich nur die Gewichtung. In der oberen Zeile sieht sich die Schule bestätigt, die nach Strategie C mit Fokus auf Funktion und Usability vorgeht. Obwohl diese Lösung die maximale Planungsunsicherheit mitbringt (nur 1 Punkt), überwiegt die Gesamtpunktzahl die der Strategie A doch deutlich. Das ändert sich sofort, wenn der Fokus anders gesetzt wird: Gewichte ich die Planungssicherheit hoch, weil ich z.B. meinem Kollegium nicht zumuten möchte, sich kurzfristig wieder auf andere Tools einstellen zu müssen und bin dafür bereit, Abstriche in anderen Bereichen zu tolerieren, hat die Strategie A die Nase vorn.

Fazit

In den vergangenen 14 Monaten hat sich im Bereich der Digitalisierung an den Schulen viel getan. Und vielleicht ist es klug, jetzt – einige Monate vor Beginn des nächsten Schuljahres – innezuhalten und ein paar strategische Überlegungen anzustellen. Und ich glaube, dass die oben gezeigten Bereiche dabei berücksichtigt und gewichtet werden sollten; ob man das am Ende einfach in die Gedanken und Gespräche mit einbezieht oder ob tatsächlich eine Entscheidungsmatrix hilfreich ist, ist dann sicher Typsache.

2 Kommentare

  1. Lösung ist die Los-Lösung von kommerziellen Anbietern, es geht ohne MS, Android, Office etc
    Als OS Linux wählen, LibreOffice, usw , dann keine Lizenzgebühr mehr, volle Freiheit.
    Können ist allerdings vorausgesetzt.

    1. Danke für den Kommentar – wie sieht dann die Lösung für Tablets mit Stifteingabe aus? Gibt es da zum vielgekauften Quasi-Standard iPad eine echte Alternative?

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