Lüftungsgeräte statt Luftreiniger: ein Plädoyer

Im Moment diskutieren landauf, landab Kommunalparlamente über die Anschaffung von Luftreinigern. Die Delta-Variante des Coronavirus steht vor der Tür, ringsum steigen die Inzidenzen und es ist absehbar, dass auch das kommende Schuljahr erneut unter den Vorzeichen der Pandemie stehen wird. Und obwohl die Wirksamkeit von Luftreinigern spätestens seit der im August 2020 vorgestellten Studie der Bundeswehruniversität bekannt ist, hat sich seitdem fast nichts getan; wieder einmal dominierte bei der Wahl der Mittel das Prinzip Hoffnung.

Aktuell wird heftig gestritten, weil die Länder Förderprogramme aufsetzen (in Bayern z.B. mit 50% Zuschuss), die Kommunen teilweise aber bremsen. Die Konsequenz wird sein, dass auch im Winter 2021 in den meisten Klassenzimmern nur die Fensterlüftung möglich ist, um die Aerosolbelastung der Raumluft zu senken. Was bei sommerlichen Temperaturen gut machbar ist, führt im Winter aber dazu, dass die Räume schnell auskühlen und dann u.U. auch den ganzen Vormittag lang kühl bleiben. Nachdem meine Kinder im Dezember letzten Jahres mit Mützen, Schals und Decken im Klassenzimmer saßen, habe ich ihnen einmal einen Temperaturlogger mit in die Schule gegeben und das Ergebnis war tatsächlich ernüchternd:

Solche Temperaturen sind weder gesundheits- noch lernförderlich, das ist klar. Jetzt liegt die Forderung nahe, möglichst schnell alle Räume mit Luftreinigern auszustatten, um vielleicht etwas seltener lüften zu müssen. Aus meiner Sicht ist das aber nicht die beste Lösung:

In unserem Schulhaus in Gmund haben wir den Luxus einer zentralen Lüftungsanlage, die einen mehrfachen Luftaustausch pro Stunde gewährleistet, Frischluft über einen Wärmetauscher anwärmt und bei Bedarf (bei sehr kalten Außentemperaturen) einen gewissen Anteil Raumluft filtert und wieder in den Raum zurückführt. Und wir haben Referenzräume, in denen permanent Temperatur und CO2-Gehalt gemessen und dokumentiert werden, sodass ich sehr genau sagen kann, was die Anlage bringt. Mir war früher nicht bewusst, wie wahnsinnig schnell der CO2-Wert in einem vollbesetzten Klassenzimmer ansteigt: Der für Arbeitsräume empfohlene Grenzwert von 1000 ppm ist nach etwa einer Viertelstunde erreicht, 2000 ppm spätestens nach der ersten Unterrichtsstunde. Wird also nicht regelmäßig gelüftet, steigt die Belastung der Raumluft und die Schüler*innen werden müde und unkonzentriert.

Ziel sollte es sein – so empfiehlt es auch das Umweltbundesamt -, Klassenzimmer mit möglichst viel frischer Luft zu versorgen. Lüftungsanlagen bieten gegenüber Luftreinigern zahlreiche Vorteile:

  • Sie versorgen den Raum mit Außenluft, was nicht nur die Ansteckungsgefahr bei Corona verringert, sondern auch den CO2-Gehalt niedrig hält.
  • Auch Schad- und Geruchsstoffe, Feinstaub und ggf. auch zu hohe Luftfeuchtigkeit werden abgesaugt bzw. reguliert.
  • Sie arbeiten mit einer Wärmerückgewinnung, sodass die Heizkosten nicht – wie bei der empfohlenen Corona-Lüftung – ins Unermessliche steigen; dadurch leisten sie auch einen Beitrag für die Umwelt.
  • Sie filtern die angesaugte Frischluft, bevor sie in den Raum geblasen wird. Das ist insbesondere im Frühling ein Segen für alle von Pollenallergie Geplagten.
  • Unterm Strich sind Luftreiniger also eine kurzfristige Verbesserung in der Corona-Situation, während Lüftungsanlagen langfristig Vorteile für Gesundheit, Arbeitsatmosphäre, Konzentration und die Umwelt bieten.

Nun stehen zwei Gegenargumente im Raum:

1. Solche Anlagen können ja niemals bis zum Herbst flächendeckend installiert werden!

Ja, das stimmt. Aber let’s face it: In allen Kommunen, die jetzt (im August 2021) noch nicht bestellt haben, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit in diesem Kalenderjahr auch keine Luftreiniger mehr geben. Ausschreibungen brauchen Zeit und der Markt ist leer gekauft.

2. Lüftungsanlagen nachzurüsten erfordert einen gewaltigen baulichen Aufwand!

Und das stimmt eben nicht: Natürlich wäre es ein Riesenaufwand, eine zentrale Lüftungsanlage in ein bestehendes Schulgebäude einzubauen; man müsste Wände aufreißen, Rohre mit riesigen Querschnitten verlegen, etc. Das muss aber überhaupt nicht sein, weil man entsprechende Anlagen auch dezentral, also raumweise einbauen kann, das sieht dann z.B. so aus:

(c) STIEBEL ELTRON
(c) STIEBEL ELTRON

Manche Geräte lassen sich auch wie ein Schrank an die Rückwand des Klassenzimmers stellen und benötigen dann nur noch über eine auszutauschende Fensterscheibe oder zwei Löcher in der Wand den Anschluss ins Freie (Beispiel, Beispiel).

Ich bin auf diese Lösungen aufmerksam geworden, weil auch in unserem Neubau in Gmund keine zentrale Lüftungsanlage, sondern eine raumweise Lösung eingebaut wird; hier natürlich in die abgehängte Decke integriert, weil’s ein Neubau ist, das Prinzip bleibt aber das gleiche:

Auch dieser Hersteller bietet alle möglichen Bauformen an, zum Aufhängen oder Hinstellen.

Ein Problem ist, dass dezentrale Lüftungsgeräte meines Wissens nur vom Bund gefördert werden und das auch nur für Einrichtungen für bis zu 12-jährige Kinder (s. hier). Das müsste sich ganz schnell ändern, um für die Kommunen Anreize zu schaffen, jetzt in eine langfristige und nachhaltige bauliche Verbesserung ihrer Schulen zu investieren. Den nächsten Herbst und Winter müssen die allermeisten Lehrkräfte und Schüler*innen voraussichtlich sowieso noch ohne raumlufttechnische Anlagen überstehen; da kann man es jetzt auch gleich ordentlich machen und hätte spätestens zum nächsten Herbst eine dauerhafte Lösung. Und wer schnell ist, schafft es vielleicht sogar noch vor dem Winter – anders als die Luftreiniger stehen dezentrale Lüftungsanlagen im Moment noch nicht im Fokus der Diskussion, sodass die Geräte womöglich sogar besser lieferbar sind.

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