Hybride (Lehrer-)Konferenzen gestalten

Vorbemerkung

Ich bin kein großer Fan von (Gesamt-)Konferenzen. An einer mittelgroßen Schule sitzen da 50 oder mehr sehr gut besoldete Beamt*innen in einem Raum und die allermeiste Zeit geht es um Dinge, die man entweder auch schriftlich hätte mitteilen können oder die nur einen Teil der Anwesenden interessieren oder betreffen. Gelegentlich, bei anspruchsvollen Themen, die es erfordern, die Gruppe zu „spüren“, sind sie sinnvoll. Gar nicht so selten dienen sie aber als Vorlesung oder als Theaterbühne für wiederkehrende Selbstvergewisserungsinszenierungen der Leitungsetage oder auch für Widerstandsfähigkeitsdemonstrationen einzelner Lehrkräfte; beides ist viel weniger unterhaltsam als es sich vielleicht anhören mag. Weil die Lehrerkonferenz aber nicht nur eine Veranstaltung, sondern auch ein juristisch verankertes Gremium ist, führt an ihr kein Weg vorbei – mehrmals im Jahr muss im Plenum getagt werden, um diejenigen Dinge zu entscheiden, die gemäß Schulrecht eben nur die Lehrerkonferenz beschließen kann.

Vorüberlegung: Welches Format ist sinnvoll?

Grundsätzlich glaube ich, dass das Mittel „Gesamtkonferenz“ tendenziell zu häufig eingesetzt wird, weil vielleicht gar nicht über mögliche Alternativen nachgedacht wurde. Für mich selbst habe ich diese Unterscheidung getroffen:

Je nachdem, was der Zweck der Kommunikation ist, gilt es das passende Format zu wählen:

  • Möchte ich vor allem informieren, bevorzuge ich asynchrone Kommunikationsformate: E-Mail, einen Teams-Beitrag, ein kommentierbares Online-Dokument, ein Video.
  • Um Themen zu beraten und zu entwickeln, ist die Gesamtkonferenz zu groß und zu träge. Kleine, bewegliche Teams können das im Auftrag der Gesamtkonferenz besser und legen am Ende ihrer Arbeit einen oder mehrere Vorschläge der Konferenz zur Entscheidung vor.
  • Konferenzen, in denen Entscheidungen getroffen werden (z.B. Notenkonferenzen, aber auch Entscheidungen über Schulentwicklungsthemen, etc.) lassen sich sehr gut hybrid halten, wenn die Themen gut vorbereitet sind. Wichtig dabei sind klare Regularien für die Abstimmung vor Ort und online, damit es hier nicht zu Verzögerungen oder Fehlern kommt.
  • Je kontroverser und emotionaler ein Thema voraussichtlich diskutiert werden wird, umso eher neige ich zu Präsenzveranstaltungen, weil es mir online oder im Hybridformat nicht so gut gelingt, den Überblick zu behalten und den Raum wahrzunehmen. Das kann aber wichtig sein, weil insbesondere bei emotional aufgeladenen Themen ja viel auch über nonverbale Kommunikation läuft, die ich vor Ort viel besser spüren kann.
  • Fortbildungen eignen sich sehr gut für Online- und hybride Szenarien; da gibt es ja inzwischen auch sehr viele Erfahrungswerte.
  • Gemeinschaft will auch gepflegt werden, deshalb sind auch Momente der Geselligkeit für die meisten Menschen in Teams wichtig. Zugleich kann Geselligkeit in professionellen Arbeitsumfeldern nicht angeordnet werden, sodass ich es für sinnvoll halte, beide Sphären zu trennen und die Teilnahme an geselligen Formaten ehrlich freizustellen.

Online-Formate

Im Schuljahr 20/21 haben wir fast alle Konferenzen online durchgeführt. Das funktioniert ganz hervorragend, wenn das Videokonferenztool leistungsfähig ist, man sich auf ein paar Grundregeln verständigt und für Abstimmungen einen guten Modus gefunden hat. Das Gesellige geht dabei zwar weitgehend verloren (wiewohl es auch online humorvoll sein kann); aber es ist eh eine gute Idee, die Arbeitsebene und das (wichtige!) soziale Miteinander im beruflichen Umfeld in jeweils passenden Formaten zu bündeln.

Warum Hybrid-Formate?

Ich bin überzeugt davon, dass die Loslösung von zeitlichen und räumlichen Verbindlichkeiten uns dabei hilft, Arbeit und Privatleben besser in Einklang zu bringen. Lebenssituationen sind so verschieden, dass die Arbeit im immer gleichen Takt nur für einen Teil der Betroffenen stimmig ist. In der Pandemie ist es sowieso sinnvoll, nicht so viele Menschen eng in Räume zu packen; aber ganz unabhängig davon bietet ein hybrides Format, bei dem ein Teil des Gremiums vor Ort und ein Teil online zugeschaltet ist, viele Vorteile: Teilzeit-Lehrkräfte müssen an unterrichtsfreien Tagen nicht extra in die Schule kommen, um an der Konferenz teilzunehmen. Wer schon nach der dritten Stunde keinen Unterricht mehr hat, muss nicht warten. Und wer inhaltlich kaum betroffen ist, aber trotzdem interessiert, kann sich die Besprechung auf ein Ohr legen und nebenbei wandern gehen oder die Wäsche machen.

Was sind die Herausforderungen?

Reine Online-Formate sind viel einfacher als hybride Szenarien. Die Schwierigkeit liegt darin, durch Technik eine Interaktion zwischen einer größeren Gruppe im Raum und einer ebenso großen Gruppe online zu ermöglichen. Bei unserer Anfangskonferenz im Schuljahr 21/22 haben zum Beispiel rund 30 Lehrkräfte vor Ort und etwa 20 Personen online teilgenommen. Die sollen sich möglichst sehen, mindestens aber hören und in den Austausch kommen können. Dafür gibt es zwei Lösungsansätze:

  • Jede Person – auch die vor Ort – verwendet ein technisches Gerät und ist mit der Konferenz verbunden. Dann ist eine Interaktion über den Chat möglich und mit Knopf im Ohr oder einem (!) Audio-Signal auf den Lautsprechern können Anwesende vor Ort die Redebeiträge von Online-Teilnehmenden hören. In der Praxis halte ich dieses Setting für Gesamtlehrerkonferenzen an großen Schulen für kaum erfolgversprechend, weil durch die Vielzahl an Geräten die Systeme schnell überlastet sind und es zu Echo- und Rückkopplungseffekten kommt, wenn in einem Raum mehrere Mikrofone und Lautsprecher gleichzeitig an einer Besprechung teilnehmen.
  • Die bessere Lösung ist die Verwendung eines oder weniger Streams aus dem Konferenzraum. Dafür können Webcams und spezielle Konferenzlautsprecher (mit integriertem Mikrofon) verwendet werden oder natürlich auch einfach die Technik, die an vielen Schulen aus anderen Kontexten (oft in der Fachschaft Musik) schon vorhanden ist; lesenswert zu diesem Thema ist „Hybride Konferenzen meistern“ auf heise online.
Zwischenform: No-Meeting-Room

„In einem perfekten Video-Meeting nutzen alle Teilnehmenden ein eigenes Gerät. Es gibt keinen Konferenzraum. Das bedeutet, dass auch dann, wenn sich mehrere Teilnehmende im gleichen Gebäude aufhalten, diese an ihren Schreibtischen bleiben und wie alle anderen auch remote teilnehmen.“

https://ideas.4brad.com/make-video-meetings-work-force-people-stay-engaged

In kleinen Meetings oder hybriden Veranstaltungen mit mehrheitlich online Teilnehmenden kann es sinnvoll sein, das „No-Meeting-Room“-Format anzuwenden. Im Grunde handelt es sich dabei dann um ein reines Online-Meeting, bei dem sich eben ein Teil der Teilnehmenden im gleichen Gebäude aufhält. Wir machen das z.B. im Schulleitungs-Team so: Sobald eine Person von zuhause aus teilnimmt, bleiben auch alle im Schulhaus an ihrem Schreibtisch sitzen. Das funktioniert für uns besser, als die eine Person online an einen großen Tisch zu holen.

Settings für „echte“ hybride Besprechungen

Die Herausforderungen bei echten hybriden Settings bestehen darin, die gleichberechtigte Partizipation der online zugeschalteten TN zu sichern und im besten Fall auch eine reibungslose Interaktion zwischen den beiden Gruppen (online / vor Ort) zu ermöglichen.

Beispiel: Kleine Besprechung (z.B. Fachsitzung)
  • Situation: 5 TN vor Ort / 4 TN online, gleichmäßige Redeanteile versch. Personen
  • Alle TN sind mit einem Gerät in der Konferenz verbunden und haben die Kamera an.
  • Am Besprechungstisch ist aber nur ein Lautsprecher und ein – möglichst hochwertiges omnidirektionales – Mikrofon eingeschaltet.
Beispiel: Anfangskonferenz (Low Budget)
  • Situation: 25 TN vor Ort / 25 TN online, hohe Redeanteile einzelner Personen

In der Anfangskonferenz hat die Schulleitung einen recht hohen Redeanteil. An verschiedenen Stellen gibt es Nachfragen / Beiträge aus dem Plenum; längere Debatten sind eher nicht zu erwarten. Für diese Gesprächssituation haben wir uns technisch so aufgestellt:

Im Online-Meeting sind neben den online teilnehmenden Lehrkräften der Schulleiter (SL) und eine weitere vor Ort anwesende Person eingeloggt. Die weitere Person (in unserem Fall jemand aus der erweiterten Schulleitung, für den es inhaltlich also nichts Neues gibt) fungiert als „Mittler zwischen den Welten“: Sie schaltet nach Meldung die online Teilnehmenden laut in den Raum, beobachtet fortwährend den Chat, bringt ggf. dort erscheinende Aspekte ins Plenum ein, und transkribiert bei Bedarf Inhalte in den Chat.

Die altbewährte Logitech C920 ist unsere Allzweckwaffe und hatte schon im Unterricht mit von zuhause zugeschalteten Lehrkräften gezeigt, dass sie günstigen Preis (< 100 Euro), gute Weitwinkel-Bildqualität und ein ordentliches Mikrofon vereint. Wir haben die Kamera auf einem kurzen Stativ stehen und mit einem USB-Verlängerungskabel können wir sie flexibel positionieren. Eine der Kameras ist am SL-Notebook angeschlossen und wird so gedreht, dass sie diejenige Person aus dem Leitungsteam zeigt, die gerade spricht. Die zweite Kamera ist am Notebook des „Mittlers“ angeschlossen und zeigt ins Plenum. Am Notebook des Mittlers sind auch die Raum-Lautsprecher angeschlossen.

Ein bisschen tricky ist die Bedienung der beiden Kameras, Mikrofone und Lautsprecher:

  • Spricht jemand aus dem Schulleitungs-Team, ist das Mikro von der SL-Kamera eingeschaltet. Das andere Mikro muss ausgeschaltet sein, sonst haben die online Teilnehmenden ein Echo. Die Lautsprecher müssen ebenfalls ausgeschaltet sein, weil sonst eine Rückkopplung entstehen würde.
  • Spricht jemand, der online teilnimmt, schaltet der Mittler die Lautsprecher ein. Die Mikrofone der beiden Kameras müssen dann ausgeschaltet sein.
  • Spricht jemand aus dem Plenum, muss das Mikro der Schulleitungs-Kamera ausgeschaltet sein. Die Kamera vom NB des Mittlers kann ggf. zur sprechenden Person gedreht werden. Bis ca. 5 Meter Abstand sind Sprecher*innen sehr gut zu verstehen; sitzt jemand weiter weg, ist es empfehlenswert, zur Kamera hinzugehen.
  • Der Ton am SL-Notebook kann (leise) eingeschaltet bleiben, um ggf. zu hören, wenn jemand sich direkt zu Wort meldet.
Beispiel: Gesamtkonferenz (Low-Budget 2)

Wenn die SL sich nicht zugleich um die Technik kümmern will, kann man bei geeigneter Konferenz-Software auch am Notebook des „Mittlers zwischen den Welten“ beide Kameras / Mikrofone anschließen. Die bayerische Videokonferenz-Lösung Visavid kann z.B. mit zwei Eingangs-Streams umgehen.

Beispiel: Gesamtkonferenz (Mid-Budget)

Einen echten Qualitätsgewinn kann man mit ein paar vernünftigen Mikrofonen erzielen. In Videomeetings ist eine gute Tonqualität überhaupt viel wichtiger als gute Bildqualität. Zwei Vorschläge dazu:

  • Ersatz der in den Kameras integrierten Mikros durch hochwertige omnidirektionale Mikrofone. Mein absoluter Preis-Leistungs-Favorit, der im schulischen Kontext auch für alles Mögliche andere verwendet werden kann (Podcasts, Ton bei Videoaufnahmen), ist das Logitech Blue Yeti (ca. 140 Euro).
  • An vielen Schulen sind hochwertige Kondensatormikrofone schon vorhanden, z.B. als „Chor-Mikrofone“. Diese kann man im Raum verteilen und über ein Mischpult als eine einzige Signalquelle ans Notebook des Mittlers anstecken, der so den ganzen Raum auf einmal in die Konferenz schalten kann.
Beispiel: Gesamtkonferenz (High Budget)

Wenn Geld keine so große Rolle spielt, kann man auch hochwertige Konferenzlösungen kaufen. Diese integrieren je nach Typ Mikrofon, Kamera und Lautsprecher und verfügen teilweise auch über eine integrierte Zoomfunktion, die die sprechende Person identifiziert und ins Bild nimmt.

Für Schulen halte ich persönlich nicht so viel von dieser Lösung, weil ich lieber Technik kaufe, die ich flexibel für verschiedene Einsatzzwecke verwenden kann. Aber natürlich kann es individuell Sinn machen, einzelne Räume mit einer fixen hybriden Konferenztechnik auszustatten, um nicht jedesmal die Technik auf- und wieder abbauen zu müssen, wenn das Geld dafür zur Verfügung steht.

Persönlich habe ich wenig Erfahrung mit solchen System. Im RPZ Heilsbronn war ich mal Teilnehmer einer hybriden Veranstaltung (15 TN), die mit einem „Logitech GROUP“ Videokonferenzsystem durchgeführt wurde und das hat sehr geklappt.

Wie gut funktioniert das alles?

Ziemlich gut. Wir mussten uns bei den ersten Versuchen ein bisschen auf die Technik einstellen, was auch zum ein oder anderen kuriosen Moment geführt hat. Unmittelbar nach dem ersten Versuch habe ich die Lehrkräfte um Feedback gebeten, das durchwegs positiv ausgefallen ist. Besonders die Familienfreundlichkeit des Settings wurde mehrfach wertschätzend rückgemeldet. Als Kritikpunkt kommt gelegentlich, dass Beiträge aus dem Plenum teilweise nicht so gut verständlich sind; das Mitschreiben im Chat kann das gut abfangen, aber da sind z.B. mit einem Funkmikro oder einem dedizierten Konferenzmikrofon in Raummitte noch bessere Lösungen möglich.

Fazit

Es ist mit sehr geringem Aufwand und Budget möglich, Lehrerkonferenzen hybrid zu veranstalten; die Vorteile liegen auf der Hand. Wir werden das deshalb auf jeden Fall beibehalten, auch über die Corona-Situation hinaus. Auch Elternabende und Gesamt-Elternversammlungen lassen sich sehr gut hybrid veranstalten (eher sogar noch leichter).

3 Kommentare

  1. Danke für den sehr guten und informativen Beitrag!
    Fehlen nur noch die Tipps: „Wie überzeuge ich meinen Chef“, der vermutlich (aufgrund der derzeitigen Situation) total überlastet ist und deswegen lieber eine Gessamtlehrerkonferenz im viel zu engen Lehrerzimmer macht.

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