Warum die digitale Transformation der Schule (nicht) gelingt

Nach der Schließung der Schulgebäude im März 2020 war es erforderlich, den Unterricht zeitweise auf digitales Fernlernen umzustellen. Dadurch ist auch die Frage nach dem Fortgang der digitalen Transformation an Deutschlands Schulen in den Fokus gerückt. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man konstatiert, dass Deutschland und seine Schulen dabei keine uneingeschränkt gute Figur gemacht haben. Die Verantwortung dafür wurde dann häufig den Lehrer:innen zugeschoben. Warum – nach meiner subjektiven Wahrnehmung – die digitale Transformation der Schulen so schleppend vorangeht, darum soll es in diesem Beitrag gehen. Und es geht dabei um viel mehr als Beamer und Notebooks.

Verständnis

Für unsere Schüler:innen ist es schwer vorstellbar, wie die Menschen ohne Smartphones leben konnten. Aber tatsächlich ist es gerade einmal 13 Jahre her, dass Steve Jobs das erste iPhone vorgestellt hat. In diesem kurzen Zeitraum hat sich die Art, wie wir kommunizieren, uns informieren, einander kennenlernen, unser Leben planen und dokumentieren, radikal verändert. Und diese Veränderung verläuft nicht kontinuierlich, sondern disruptiv. Teile alten Wissens und alter Kompetenzen wurden schlagartig wertlos. Ich glaube, dass auf allen Ebenen (mit Ausnahme der Schüler:innen selbst) in der Breite ein echtes Verständnis dafür fehlt, wie weitreichend diese Veränderung unseres Denkens und Interagierens ist. Das ist ein ganz gutes Beispiel dafür:

Das Team Merz erhebt diese Forderung 36 Jahre, nachdem in Deutschland die erste E-Mail verschickt wurde und mindestens fünf Jahre, nachdem E-Mail in der Kommunikation unserer Schüler:innen untereinander keine Rolle mehr spielt (hat sie das je?).

Prognose: 😐

Auch wenn sich langsam abzeichnet, dass auch Entscheider außerhalb der Wirtschaft verstehen, was das alles bedeutet, kommen die Konsequenzen dieses Verständnisprozesses nur langsam im Bildungswesen an. Und es gibt starke Gegenstimmen der Bewahrpädagogen, die in der Corona-Pandemie den Präsenzunterricht zum Maß aller Dinge erklären und mit Verweis auf Abstandsregeln das Comeback des Frontalunterrichts feiern. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft im Allgemeinen und Schule im Speziellen sich schwer tut mit disruptiven Veränderungen, die immer mit Verunsicherung einhergehen und den eigenen Wissens- und Könnensvorsprung in Frage stellen.

Bildungspläne und Prüfungsformate

Eine der Folgen mangelnden Verständnisses für die Tragweite der Veränderung, die die Gesellschaft durch die Digitalisierung erfährt, besteht darin, dass sich die dadurch verändernden Anforderungen an Wissen und Können nicht ausreichend in veränderten Bildungsplänen und Prüfungsformaten widerspiegeln. Häufig wird versucht, digitale Kompetenzen den bestehenden Curricula als Add-on hinzuzufügen; dies dann allerdings oft halbherzig (z.B. durch die Kennzeichnung als fächerverbindendes Bildungsziel, für das sich am Ende niemand wirklich verantwortlich fühlt) oder als unscheinbares Nebenfach, das kaum mit Stunden in dem Maß hinterlegt wird, wie es erforderlich wäre, würde man dem Reden von der vierten Kulturtechnik folgen. Sinnvoll ist dieser Weg ohnehin kaum: Die Digitalisierung hat verändert, wie wir lesen, rechnen, schreiben, lernen – in der Konsequenz bräuchte es eine grundlegende Veränderung der Bildungsziele, des Bildungshandelns und auch ein Neudenken der Prüfungsformate.

Prognose: 🙁

Die Entwicklung von Bildungsplänen ist ein mühsamer und langwieriger Prozess. Der öffentliche und bildungspolitische Diskurs richtet sich vor allem auf ein Unterrichtsfach Informatik oder Medienkunde, wogegen der Reflexionsprozess, was die Digitalisierung für bestehende Curricula und darin versammelte Kompetenzen bedeutet, zu wenig geführt wird.

Kultur des Teilens („sharing culture“)

Lehrkräfte sind in Deutschland traditionell Einzelkämpfer. Das hat viel damit zu tun, wo sie einen Großteil ihrer Arbeit verrichten, nämlich zuhause im Einzelbüro. In unseren Schulen fehlen zumeist sowohl ruhige Arbeitsplätze wie auch inspirierende Orte des Austauschs. Auch im Referendariat wird die gemeinsame Entwicklung von Lernszenarien und deren Umsetzung noch zu selten angebahnt; im Mittelpunkt der Beobachtung und Prüfung steht die einzelne Lehrperson und die von ihr konzipierte Einzelstunde. Natürlich stimmt es, dass jede Lerngruppe individuell zu betrachten ist. Aber kann es wirklich sinnvoll sein, dass Woche für Woche tausende Lehrkräfte identische Inhalte für ihre Klassen einzeln aufbereiten?

Ungeklärt ist auch die Frage, wem dieses Material eigentlich gehört, das da während der Arbeitszeit zuhause entwickelt wird. Sollte es nicht Eigentum des Dienstherrn sein und allen zur Verfügung stehen? Wie es gehen könnte, haben Sebastian Schmidt und Ferdinand Stipberger vorgemacht, die für ihre kollaborative Unterrichtsentwicklung über hunderte Kilometer hinweg 2019 den deutschen Lehrerpreis erhalten haben.

Prognose: 😐

Ich nehme schon wahr, dass viele Kolleg:innen gern mehr im Team arbeiten möchten. Fehlende Kollaborationsflächen vor Ort können wir teilweise durch digitale Tools ersetzen. Bis sich aber die Klassenzimmertüren wirklich öffnen und eine echte „sharing culture“ die Normalität sein wird, das wird noch Zeit brauchen.

Veränderungsbereitschaft

Viele Unternehmen haben sich und ihre Geschäftsmodelle in den letzten 10, 20 Jahren mehrfach radikal verändert und teilweise komplett neu erfunden, weil es sie sonst schlicht nicht mehr geben würde. Ohne einen solchen Sinn von Dringlichkeit verändern sich die meisten Menschen allerdings nicht gerne. Erst wenn der Status Quo mehr Risiken birgt als der Aufbruch ins Unbekannte, scheint es attraktiv, die Reise zu beginnen. Viele, vor allem äußere, Bedingungen für Schule haben sich in den letzten Jahrzehnten aber kaum verändert (mir ist das jüngst beim Durchlesen der 50 Jahre alten Lehrproben meines Vaters wieder aufgefallen), von daher ist auch Veränderungsfreude nicht unbedingt ein Merkmal, das in Schulen besonders ausgeprägt wäre. Dazu kommt, dass Kolleg:innen, die schon länger im Dienst sind, immer wieder erlebt haben, dass Veränderungen verordnet wurden, von deren Sinnhaftigkeit sie entweder nicht überzeugt waren oder die kurz darauf wieder zurückgenommen wurden (z.B. G8/G9). Da ist eine gewisse Zurückhaltung verständlich.

Prognose: 🙂

Die Schulschließungen im März 2020 haben die Dringlichkeit deutlich gemacht, digitale Kanäle zwischen Schüler:innen, Lehrkräften und Eltern zu öffnen. Es ist auch (teilweise peinlich) offenbar geworden, wie sehr mancherorts die Digitalisierung verschlafen wurde. Ob dieser Schwung nun allerdings auch dazu genutzt wird, die digitale Transformation auf Ebene der Kompetenzen und Inhalte ernst zu nehmen oder ob es dabei stehenbleibt, Tradiertes auf digitalen Wegen zu vermitteln, da wage ich keine Vorhersage.

Führungshandeln

Warum gibt es trotz der hemmenden Rahmenbedingungen zahlreiche Schulen, an denen digitale Transformation gelingt? Das sind einerseits Privatschulen (z.B. Schloss Neubeuern), die sich von den staatlichen Schulen abheben oder im internationalen Vergleich bestehen müssen und deshalb eine Vorreiterrolle einnehmen. Aber auch im staatlichen Bereich gibt es viele Beispiele, wo echte Veränderung passiert, z.B. die Realschulen am Europakanal oder in Schöllnach. Diese Schulen haben nach meiner Wahrnehmung von außen gemeinsam, dass die Personen in Führungsverantwortung ein sehr tiefgehendes Verständnis digitaler Transformation und der zugrunde liegenden Technologie besitzen. Aus diesem Verständnis entwickeln sie eine klare Vision von Schule unter den Bedingungen der Digitalität, die sie dann mit starken Teams und transparenten Strategien verfolgen.

Prognose: 🙂

Auch hier hat Corona einiges bewirkt und Verständnisprozesse befeuert. Zumindest in Bayern wurden viele Ressourcen für Beratung auf technischer wie pädagogischer Ebene ins System gebracht, um weniger technikaffine Schulleitungen zu unterstützen. Trotzdem glaube ich, dass es klug wäre, diese Ebene noch stärker in den Blick zu nehmen, damit Schulleitungsteams noch mehr als Visionäre in der digitalen Transformation wirken können.

Lernmittel

Schulbücher und Arbeitshefte sind einerseits für den Unterricht wichtige Hilfsmittel, andererseits wirken sie als Bremsklotz für die digitale Transformation. In Deutschland wird jedes Jahr ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag für Schulbücher ausgegeben; das ist ein beachtlicher Markt. Wenn wir nun alle Lehrkräfte und alle Schüler:innen mit digitalen Endgeräten ausstatten würden, macht es wenig Sinn, wenn die Kinder diese zusätzlich zu Heften und Büchern mitschleppen müssten. Die Verlage allerdings haben wenig Interesse, verlagsübergreifende Plattformen für digitale Lehrwerke zu entwickeln und so haben wir heute eine nicht alltagstaugliche Zersplitterung der Plattformen. In Ländern mit Lernmittelfreiheit verhindern auch die Zulassungsverfahren dynamische Plattformen. Dazu kommt die (berechtigte) Sorge der Verlage, dass digital verfügbare Inhalte unkontrollierbar kopiert würden. Ein nicht unerheblicher Teil der Ressourcen fließt deshalb nicht in die inhaltliche Entwicklung, sondern in den Schutz derselben vor unerlaubter Weitergabe (DRM). Darunter leiden Nutzererfahrung und plattformübergreifende Verfügbarkeit.

Prognose: 🙁

Nach meiner Wahrnehmung ist die Situation verfahren; eine Strategie, wie digitale Schulbücher in die Breite gelangen könnten, sehe ich nicht. Persönlich bin ich soweit, das System als Ganzes in Frage zu stellen:

Digitalbezogene Kompetenzen

Viele Menschen (Jugendliche und junge Erwachsene eingeschlossen) besitzen kaum digitalbezogenes Knowhow, das über die Bedienung regelmäßig benutzter Anwendungen hinausgeht. Ich spreche nicht vom Programmieren oder der Administration eines Linux-Servers, ich meine damit ganz banale Dinge wie die Umwandlung eines Text-Dokuments in eine pdf-Datei, die Konvertierung eines Videos in ein weniger speicherhungriges Format, das Anlegen regelmäßiger Backups oder auch nur die Fähigkeit, Dateien in Ordnerstrukturen zu organisieren. Die wenigsten wissen, was diese „Cloud“ eigentlich ist und welche Chancen und Gefahren darin verborgen sind. Dass die Lehrkräfte hier von den Jugendlichen lernen könnten, ist übrigens auch nur ein schönes Märchen: Seit dem Siegeszug der Smartphones ist in der jungen Generation in der Breite fast überhaupt kein Wissen mehr vorhanden, das über die reine App-Bedienung hinausgeht. Natürlich gibt es die Technik-Freaks nach wie vor; der Großteil der Jugendlichen ist aber spätestens mit der Neuinstallation eines Betriebssystems völlig überfordert. Wenn wir die Technologie, mit der wir uns umgeben und der wir alle Details unseres Lebens anvertrauen, aber nicht wenigstens im Ansatz verstehen, wird Bildung nicht gelingen. Es bräuchte für die Schüler:innen also beides: ein Unterrichtsfach, in dem wir dieses grundlegende Wissen und Können vermitteln wie auch die digitale Transformation bestehender Curricula.

Bezogen auf die Lehrkräfte reicht es nicht, über digital gestütztes Lernen zu reden; es macht ja auch keinen Sinn, einen Ski-Anfänger auf die schwarze Piste zu schicken, wenn er den Pflugbogen nicht beherrscht. Abhilfe schaffen könnten Ressourcen für schulinterne, sehr granulare Fortbildungen, die jeder Lehrperson ein Weiterlernen vom eigenen Standpunkt aus ermöglichen. Und erst dann, wenn die Grundlagen sitzen, ist daran zu denken, tatsächlich digitale Lernszenarien zu gestalten, die dem tradierten Präsenzlernen gleichwertig oder überlegen sein können.

Prognose: 😐

Ich sehe viel guten Willen, aber auch einen riesigen und vor allem sehr heterogenen Bedarf. Es gilt, die Waage zu finden zwischen Veränderungsdruck und Verständnis. Es darf nicht peinlich sein zuzugeben, etwas (noch) nicht zu können, wenn wir möglichst viele mitnehmen wollen auf diesem Weg. Und es gilt darauf zu achten, dass sich die Bildungspläne in Informatik genug Zeit nehmen für die Grundlagen, die man nicht voraussetzen darf.

Standards und Qualitätssicherung

Das ist für mich ein schmerzlicher Aspekt, weil ich mir ja sonst immer möglichst viel Autonomie und eigenverantwortliche Schule wünsche. Aber es hat sich im März eben auch deutlich gezeigt, dass Papier geduldig ist und dass das Vorhandensein eines Medienkonzepts keineswegs bedeuten muss, dass digitale Transformation verstanden oder begonnen wurde. Auch wenn es natürlich immer (viel) besser ist, wenn Veränderungsmotivation von innen kommt, könnten Standards und deren Überprüfung als Hilfsmittel wirksam sein. Wenn es einen Mindeststandard für die Bandbreite des Internetanschlusses oder für die Medienausstattung in den Klassenzimmern gäbe, kann sich kein Schulträger mehr wegducken. Wenn Medienkompetenz evaluiert würde, kommt vielleicht schneller Bewegung in den Prozess. Aber die Überprüfung birgt natürlich wieder die Gefahr, dass viele Ressourcen verschwendet werden, um so zu tun, als würde man den Anforderungen entsprochen haben; nicht umsonst wird die externe Evaluation (m.E. übrigens zu unrecht) ja in Bayern so kritisch gesehen.

Prognose: 😐

Was die technische Ausstattung betrifft, könnte durch die Corona-Situation Bewegung ins System kommen, könnten Standards geschaffen werden, hinter die man nicht mehr zurückfallen wird. Bezogen auf digitale Kompetenzen wird das m.E. eher nicht der Fall sein, was wahrscheinlich auch gut so ist. Hier sollten wir alle Bemühungen und Ressourcen dafür aufwenden, Verständnis zu schaffen und Visionen zu vermitteln.

Ausstattung

Ganz bewusst findet sich dieser Punkt am Ende der Aufzählung. Denn einerseits ist zwar klar, dass digitale Transformation ohne die notwendige Ausstattung nicht gelingen wird, andererseits werden Geräte allein ohne Verständnis, Veränderungsbereitschaft und Kompetenz auch nicht viel bringen. Was wir (mindestens) brauchen, ist für mich klar:

In den Schulen brauchen wir breite Leitungen nach draußen (mind. 1 Gbit/s symmetrisch), schnelles WLAN und die Möglichkeit der Großbildprojektion von wechselnden Geräten. Jede(r) Schüler:in und jede Lehrkraft braucht ein eigenes Endgerät mit Stift, Tastatur (ggf. andockbar) und einem hinreichend großen Bildschirm. Die Vernetzung erfolgt cloudbasiert, um Lernen räumlich (und ggf. auch zeitlich) zu öffnen. Grundlage dafür ist ein leistungsstarkes Learning-Management-System, das Kommunikation (Chat/Audio/Video), Kollaboration und Aufgabenmanagement zur Verfügung stellt. Betreut und gewartet wird das alles von externem Fachpersonal in engem Austausch mit speziell fortgebildeten Lehrkräften, die rein koordinierend wirken.

Prognose: 🙂

Anders als Veränderungsbereitschaft und Verständnis kann man Geräte mit Geld kaufen. Und Geld spielt in der Pandemie scheinbar keine Rolle, sodass da momentan sehr viel Bewegung ins System kommt. Ungeklärt ist die Frage der Finanzierung der Schülergeräte, aber auch da könnten sich Lösungen finden lassen. Aber: Das wird alles viel länger dauern, als manche meinen. Die Hersteller können Endgeräte nicht in der benötigten Zahl kurzfristig liefern. Das Vergaberecht bedingt langwierige Ausschreibungen. Bei cloudbasierten LMS gilt es, die Anliegen des Datenschutzes zu würdigen. Und nicht zuletzt haben die IT-Dienstleister nicht ausreichend Ressourcen, um all die Geräte in Betrieb zu nehmen und zu warten.

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