Happy Birthday, Twitter!

Am 21.03.2006 setzte Jack Dorsey, einer der Mitbegründer und heutiger Chef des Mikroblogging-Dienstes, den allerersten Tweet in die Welt. 15 Jahre später ist Twitter die Plattform, auf der man erfährt, was gerade passiert. Und nebenbei einer der kontroversesten Orte der Welt.

Die taz hat anlässlich des heutigen Jahrestags zwei kleine, treffende Stücke veröffentlicht:

Twitter ist ein Ort vieler kleiner Schätze. […] Ein Micro-Blog, das viele Menschen aus rein intrinsischer Motivation mit kleinen Beobachtungen aus dem eigenen Leben füllen.

https://taz.de/Die-helle-Seite-von-Twitter/!5759857/

Twitter ist mehr toxisch als schön und verschenkt damit sein Potenzial.

https://taz.de/Twitter-wird-15/!5756668/

Seit 2013 habe ich einen Twitter-Account und letzte Woche habe ich alle meine Nachrichten dort gelöscht. Warum eigentlich?

Das Netz als sozialer Ort

Ich bin seit 1993 im Internet aktiv. Und immer schon faszinierte mich dabei nicht nur die technische oder konsumierende Perspektive, sondern die Möglichkeit der Vernetzung zwischen Menschen. Bevor sich das Internet in seiner heutigen Form ausbreitete, war ich aktiver Nutzer des FidoNet, dann ganz kurz ein Fan der Compuserve-Groups. Der erste Internetzugang wurde über eine Bürgernetz-Initiative realisiert und ganz selbstverständlich traf man sich mit den daran Beteiligten, offline wie online, um viel über Technik, aber auch über Gott und die Welt zu plaudern.

In den 90er-Jahren verfasste ich hunderte Beiträge im Usenet, die man, weil ich immer schon unter Klarnamen schrieb, über Google Groups auch heute noch finden kann. In diesen themenbezogenen Newsgroups (z.B. de.rec.motorrad oder de.rec.fotografie, wobei das rec für „recreational“ steht) traf man sich zum Ratsch über das Lieblingshobby, vor allem aber bekam man schnelle und kompetente Unterstützung von ausgewiesenen Expert*innen (und wurde im besten Fall irgendwann selbst zu einem). Wenn man die Gepflogenheiten der jeweiligen Gruppe missachtete, erntete man auch damals schon einen Shitstorm. Weil das aber irgendwie doch ein von der „realen“ Welt abgesonderter Erlebnisraum für eine kleine Gruppe war, handelte es sich dann doch eher um ein Shitstürmchen. Und in der „realen“ Medienwelt wurde das alles (abgesehen von ein paar Tech-Zeitschriften) überhaupt nicht wahrgenommen. Das Usenet war rückblickend ein ganz wunderbarer, basisdemokratischer Raum. Es gab keine Likes und keine Retweets; jeder Beitrag zählte gleich viel; Aufmerksamkeit bekam, wer kluge, sachkundige oder humorvolle Beiträge schrieb.

Ich hole hier so weit aus, weil mir von Menschen, die nur dieses Blog oder meinen Twitteraccount kennen, aber das Netz mit seiner Geschichte als sozialer Ort nie erlebt haben und meines Erachtens auch nicht verstehen, immer wieder unterstellt wird, mir ginge es doch mit all dem nur um Aufmerksamkeit. Das geht so weit, dass Lehrer von Nachbarschulen, die der Ansicht sind, „unsere“ Schule wäre medial zu präsent, Leserbriefe an die örtliche Tageszeitung schreiben, in denen sie mir „ein gesteigertes Bedürfnis auf mediale Selbstdarstellung“ attestieren, natürlich, ohne jemals mit mir gesprochen zu haben. Freilich ist Aufmerksamkeit etwas Schönes und jeder freut sich über Zuspruch. Und was Likes in unserem Gehirn auslösen, ist mittlerweile gut untersucht. Aber darum geht es mir überhaupt nicht: Der Reiz sozialer Netzwerke liegt für mich in der Abwesenheit von Hierarchien, in der Schnelligkeit und Unmittelbarkeit der Vernetzung und in der Weite des sozialen Austauschs, die sich darin öffnet.

Deshalb ist Twitter auch ein so großartiger und inspirierender Ort.

Auf Twitter sind unglaublich kluge, freundliche und inspirierende Menschen vertreten. Das können große Accounts mit hunderttausenden Followern sein oder ganz kleine. Es sind Politiker*innen (wenn sie selbst twittern und das nicht ihrem Medienteam überlassen), die dort einen direkten Kanal zu ihren Wähler*innen öffnen oder Fachleute, die ganz unkompliziert weiterhelfen, wenn sie zu ihrem Fachgebiet gefragt werden. In den letzten Jahren sind auch immer mehr Schulmenschen dazugekommen, die sich unter dem Hashtag #twitterlehrerzimmer über Gott, die Schule und die Welt austauschen.

Gerade am Beginn der Pandemie, wo irgendwie keiner so recht wusste, was jetzt zu tun war, war Twitter eine Goldgrube. Von Gelingendem zu erzählen und es zu teilen („Sharing-Culture“) ist eine Idee, die mich begeistert. Und weil ich so viele Anregungen und konkrete Hilfen erfahren durfte, habe ich das, womit wir an der Schule gute Erfahrungen gemacht haben, ebenfalls geteilt: So haben z.B. die Fragebögen-Vorlagen für die interne Evaluation, die ich regelmäßig geteilt habe, stets mehrere hundert Abrufe oder die kurze Anleitung, wie man Hefteinträge mit dem Handy in eine PDF-Datei umwandelt, wurde knapp 10.000 mal angesehen. Das ist für Internetverhältnisse nicht viel; aber für den*die Kolleg*in, die das schnell in den eigenen moodle-Kurs einbinden kann und es nicht selbst erstellen muss, ist das in dem Moment eine kleine Hilfe. Auch die grundsätzlichen Wege, die wir vor einem Jahr eingeschlagen haben und über die ich dann hier geschrieben habe (Wie Schule in der Corona-Krise unterstützend wirken kann), sind auf breiten Zuspruch gestoßen, ebenso wie die ganz konkreten Infos zum digitalen Elternsprechtag, den Lehrerdienstgeräten oder unserem schulinternen Ticketsystem.

Twitter als Ort der (politischen) Auseinandersetzung

Twitter ist aber (nicht nur, aber auch aufgrund der Verkürzung auf 280 Zeichen) nicht nur Quell der Inspiration und gegenseitiger Hilfestellung; es ist auch Ort der Kontroverse. Und für politisch denkende Menschen ist die Verlockung groß, sich daran auch zu beteiligen. Vor einem Jahr war das alles noch einfach: Es ging schlicht darum, die beste Lösung für den Distanzunterricht zu finden. Dann sanken die Infektionszahlen (weit unter das Niveau von heute) und es ging um sinnvolle Gestaltung des Wechselunterrichts und schließlich um die Frage, wie man trotz allem das Schuljahr gut abschließen kann.

Jetzt aber ist alles politisch: Sollten die Schulen öffnen oder geschlossen bleiben? Dabei geht es um die ganz großen Themen: Das Recht auf Bildung, Schule als sozialen Ort, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch um die Gefahren von Krankheit und Tod. Sich dazu zu äußern, will gut überlegt sein.

Twitter als Füllhorn für Medien

In einer sich so schnell drehenden Welt, die sich ja schon grundsätzlich im Zustand der Daueraufgeregtheit befindet, ist es im personell unterbesetzten Journalismus gar nicht so einfach, mit den eigenen Nachrichten noch durchzudringen. Nicht selten hat das zur Folge, dass gründliche Recherche der schnellen Schlagzeile zum Opfer fällt und Aufmerksamkeit durch Zuspitzung und Verkürzung generiert wird. Äußerungen auf Twitter sind perfekte Steilvorlagen dafür. Und dann wird eine spitze Bemerkung schnell zur Rebellion hochgejazzt, wobei sämtliche Differenziertheit verloren geht. Um noch mehr Klicks zu generieren, wird jede Geschichte crossmedial ausgeschlachtet und so schnell kann man gar nicht schauen, wie sich der Corona-leugnende Mob auf facebook versammelt. Das ist dann kein Spaß mehr.

Sollte man es ganz sein lassen?

Im Dezember hat der geschätzte Kollege Mike Graf einen lesenswerten Beitrag geschrieben: Mein Leben auf Twitter – eine Analyse. Er endet mit dem Fazit:

Also werde ich weder den “Twitterdienst” quittieren, noch einfach “so weiterzumachen”, sondern künftig passiver das Geschehen verfolgen, um die Twitter-Life-Balance etwas besser kontrollieren zu können.

Alle Tweets zu löschen (was man vielleicht ohnehin alle paar Monate machen sollte) empfand ich durchaus als befreiend. Und eigentlich wollte ich dann gleich alles sein lassen, den Account löschen und das Blog gleich hinterher. Nach einer Woche Bedenkzeit und vor dem Hintergrund zahlreicher, ermutigender Nachrichten habe ich entschieden, das Blog am Leben zu lassen (aber das Corona-Tagebuch mit der #25 nächste Woche abzuschließen) und auch den Twitter-Account erst einmal zu behalten. Es gibt da noch ein paar Themen, die mir am Herzen liegen (und die gar nichts mit Corona zu tun haben).

Das tagespolitische Geschehen um „Schule in Pandemiezeiten“ überlasse ich künftig anderen (FF folgt). Aber noch bin ich nicht so weit, meine nun 25 Jahre alte Vision vom Netz als positiver, sozialer Ort völlig aufzugeben.

Ein Kommentar

  1. Ich bin froh, dass du deinen Twitter-Account und Blog nicht endgültig aufgegeben hast. Ich denke, es ist wie immer im Leben – auf die richtige Dosis kommt es an. Es kann heilsam, aber auch giftig sein. Weiterhin wünsche ich dir gute Gedanken und das richtige Maß… Die Leser sind dir sicher 🤗

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