Bildungs- und Chancengerechtigkeit während der Corona-Pandemie

Der nachfolgende Text ist sehr grundsätzlich und fasst einiges zusammen, was mir gerade in der Diskussion um den richtigen Kurs für Schule in der Krise durch den Kopf geht. Grundsätzlich zu werden, birgt natürlich immer auch die Gefahr, relevante Aspekte und Perspektiven zu übersehen; gern nehme ich entsprechende Hinweise in den Kommentaren entgegen.

Mediale Grundsatzdebatten um die Schulöffnung – worum geht’s da eigentlich?

Im Moment ist die Diskussion über Wege der Schule in der Krise stark meinungslastig und teilweise schwer erträglich. Da titelt die Zeit Homeschooling – klappt das bei Ihren Kindern auch so schlecht?, gefolgt von der abwegigen Forderung: Lasst uns das Schuljahr wiederholen!

Der SPIEGEL formuliert die Schlagzeile Der Schulausfall wird zur Billionen-Bombe, während der BR mit dem Frame Verärgerte Eltern, frustrierte Schüler: Wie kommt die Schule aus der Krise? zum Sonntagsstammtisch lädt, an dem sich der Abgeordnete Nikolaus Kraus von den Freien Wählern wohl schon fühlt, wenn er von dem bisschen Schule fabuliert, das man doch trotz gestrichener Ferien easy wegstecken müsste. Differenzierte, gar positive Berichte wie jüngst in der SZ (Die schönen Seiten des Home-Schoolings) sind die Ausnahme.

Die Diskussion um Schule wird ja immer schon mit sehr viel Meinung und oft leider umso weniger Ahnung geführt, in der Pandemie ist das nun noch stärker spürbar. Das liegt unter anderem an den folgenden drei Punkten:

  1. Alle können mitreden: Jede*r war mal in der Schule und viele haben Kinder, die eine Schule besuchen oder besucht haben. Zugleich bedeutet das natürlich, dass jede*r auch Lehrkräfte aus nächster Nähe über Jahre erlebt hat; das macht automatisch alle zu Expert*innen in diesem Bereich.
  2. Anekdotische Evidenz: Aus diesem eigenen Erfahrungsschatz bildet sich nun eine starke Meinung, die im andauernden Erleben des Schulalltags der eigenen Kinder und im Austausch mit den von derselben Situation betroffenen Eltern ständig bestärkt wird. Das Internet dient als Echokammer, wo sich für jede noch so abseitige Erfahrung Leidensgenossen finden, die einen darin bestärken, dass das selbst Erlebte die Mehrheit betrifft. Daraus wird dann so Unsinn wie bei Jana Hensel bei ZEIT online: Schüler, Lehrer und Eltern wissen, dass Homeschooling nicht gut funktioniert. Das Verlorene kann man nicht digital nacharbeiten. [hier analysiert von Dominik Schöneberg]
  3. Agenda Setting: Ich halte es nicht für zufällig, dass immer kurz vor wichtigen politischen Entscheidungen zahlreiche Artikel darüber erscheinen, warum Distanzunterricht nicht funktionieren kann, wie die Kinder in der Isolation verfetten und psychische Störungen entwickeln, usw. Versteht mich nicht falsch: Diese Effekte gibt es und die Situation ist für viele Kinder, Jugendliche und Familien schwer erträglich (dazu unten mehr). Durch die intensive Darstellung dieser Einzelschicksale als Mehrheitsempfinden soll jedoch ein Eindruck entstehen, eine Stimmung wachsen. Und zwar die, dass die Schulen ganz schnell in den Regelbetrieb zurückkehren sollen; eine Forderung, die ihren Ursprung vorwiegend in den Wirtschaftsverbänden hat. Eltern sollen arbeiten, statt zuhause ihre Kinder zu betreuen. Und für diesen Frame ist jedes Mittel recht, da darf dann auch ein Vizekanzler behaupten, dass die Kinder im Distanzunterricht nichts lernen.
Worum es eigentlich gehen sollte: Bildungs- und Chancengerechtigkeit

Auch wenn beide Begriffe von den Protagonisten des Agenda Setting häufig ins Feld geführt werden, handelt es sich dabei doch fast immer um leere Worthülsen. Erkennbar ist das daran, dass eine Lösung für alle vorgeschlagen wird; alle sollen wieder die Schule besuchen, alle sollen ein Schuljahr wiederholen, alle sollen normal ihre Noten und Zeugnisse bekommen. Gleichbehandlung im schulischen Kontext ist häufig aber gerade eben nicht gerecht: Je weniger Kinder fremdbetreut werden, umso stärker schlagen auch soziale und wirtschaftliche Unterschiede zu Buche.

Deshalb braucht es differenzierte und individuelle Lösungen!

Ein persönliches Beispiel: Meine Kinder besuchen Klassen in der Mittelstufe eines staatlichen Gymnasiums. Jedes hat ein eigenes Zimmer, wir haben schnelles Internet, technisch affine Eltern und ausreichend Geräte. Die Kinder sind motiviert und wenn es mal inhaltlich Schwierigkeiten geben sollte, stehen wir zur Unterstützung bereit. Die Lehrkräfte haben sich ins digitale Unterrichten reingefuchst; was da täglich von 8 bis 13 Uhr passiert, ist letztlich ein normaler Schulalltag; nur nehmen die Kinder eben von zu Hause aus teil. Für uns in unserer privilegierten Position klappt Distanzunterricht – jedenfalls besser als abwechselnd zuhause und bei Minusgraden am offenen Fenster mit Maske in der Schule zu sitzen. Es gibt für uns keinerlei Grund, ein Infektionsrisiko einzugehen, außerdem werden in der Mittelstufe keine relevanten Zeugnisse verliehen, sodass auch die Nichtdurchführung von Leistungsnachweisen verschmerzbar wäre.

Würde ich mich nun des Mittels der anekdotischen Evidenz bedienen, käme ich zum Ergebnis, dass die Schulgebäude mindestens bis zum Sommer für alle geschlossen bleiben sollten. Das wäre natürlich Unsinn: Viele Kinder und Jugendliche kämpfen und leiden unter der Situation. Sie haben das alles nicht: Keine Geräte, kein eigenes Zimmer, kein unterstützendes Elternhaus, kein schnelles Internet. Wie groß dieser Anteil tatsächlich ist, weiß ich nicht; aber er ist viel zu groß, um ihn nicht ernst zu nehmen und an oberste Stelle zu setzen: Ziel aller Bemühungen muss sein, kein Kind, keine*n Jugendliche*n zu verlieren.

Kluge Verteilung begrenzter Ressourcen

Zentrale Ressourcen im Bildungswesen sind das pädagogische Personal und die Räume. Wenn wir wegen der Pandemie kleine Gruppen bilden und Abstand einhalten müssen, ist völlig klar, dass die Ressourcen zur gleichzeitigen Betreuung aller Gruppen vor Ort nicht ausreichen; vorgeschlagen wird dann oft – der Gleichbehandlung willen – ein Wechselmodell. Kann man machen, ist aber meines Erachtens nicht gerecht. Gerecht wäre es, denjenigen, die mehr Ressourcen benötigen, auch mehr davon zukommen zu lassen. Dazu müssen wir aber größer denken und in der Akzeptanz einer besonderen Krisensituation auch als unantastbar geglaubte Wahrheiten für den Moment außen vor lassen:

Homeschooling: ein Modell für die, die es wollen und können

Homeschooling bedeutet, dass Eltern ihre Kinder zuhause selbst unterrichten; ggf. begleitet von Lernmaterialien oder Online-Kursen. Der Begriff wird leider in fast allen Medien falsch verwendet; teils aus Unwissenheit, teils um den Distanzunterricht zu schmähen. Tatsächlich wäre er aber für einen Teil der Schülerinnen und Schüler für den Moment eine Alternative. Es gibt Eltern, die im Moment aus verschiedenen Gründen ihre Kinder nicht in die Schule schicken wollen und die das Lernen zuhause auch gut begleiten können. Für diese Gruppe könnte man Massive Open Online Courses bereitstellen, die die Grundlagen der Kernfächer verständlich aufbereiten; für die an manchen Stellen ggf. nötige fachliche Rücksprache könnten Mentor*innen (z.B. Studierende auf Honorarbasis) bereitstehen.

Manche Familien würden in so einem Modell nicht nur die eigenen Kinder, sondern (ggf. im Wechsel z.B. dreier Familien) auch die Kinder anderer Familien beim Lernen begleiten. Diese Schüler*innen-Gruppe wäre vorübergehend völlig aus dem Verband der Einzelschule herausgelöst, wodurch sowohl personelle wie räumliche Ressourcen frei werden.

Distanzunterricht

Ein Teil der Schüler*innen kann auf Distanz gut lernen, benötigt aber Rhythmus, Struktur und persönliche Ansprache durch die Lehrkräfte. Durch die Entwicklung gemeinsam erstellter Materialien und die Betreuung homogener Gruppen (also z.B. alle Kinder einer Jahrgangsstufe auch verschiedener Schulen in einem Fach) sind dabei größere Betreuungsschlüssel möglich als in Präsenz; mit einer Schwerpunktsetzung auf bestimmte Fächer wird dieser Effekt noch stärker. Diese Gruppe braucht personelle Ressourcen, belegt aber noch immer keine Räume in der Schule.

Lernen in Etappen

Ein Teil der Schüler*innen braucht, zumindest hin und wieder, vielleicht auch im täglichen oder wöchentlichen Wechsel, den persönlichen Kontakt in der Schule. Das ist dann schon relativ aufwendig in der Planung und Betreuung, wobei auch dazu durchdachte und kreative Vorschläge vorliegen (z.B. hier von Marina Weisband), wie man über die Schule hinaus denken könnte.

Lernen und Betreuung in Präsenz

Und dann gibt es die Gruppe von Schüler*innen, die Ausgangspunkt all dieser Überlegungen sind, die die Betreuung in der Schule brauchen, weil sie alle oder einige der Privilegien, über die die vorgenannten Gruppen verfügen, nicht haben. Sie könnten nun in kleinen, festen Gruppen in der Schule beim Lernen begleitet werden, weil durch die kluge Verteilung diese Ressourcen nun für diejenigen zur Verfügung stehen, die sie am dringendsten brauchen.

Einwände

Es gibt doch Schulen, an denen sehr viele Jugendliche in wenig lernförderlichen Umfeldern aufwachsen – wie soll das funktionieren?

Man müsste größer denken, über die Einzelschule hinaus: Die Ressourcen müssen dahin, wo sie gebraucht werden. Und wenn an einer Schule viele Kinder gut auf Distanz oder sogar im Homeschooling lernen können, stehen die Lehrkräfte dieser Schule zur Verfügung, um woanders auszuhelfen.

Was ist mit Prüfungen und Noten? Wie sollen wir entscheiden, wer durchfällt?

Wenn wir aufhören, so zu tun, als wäre eigentlich abgesehen von dem doofen Virus alles ganz normal und akzeptieren würden, dass wir uns in einer globalen Krise befinden, wird dieses Thema schnell kleiner. Noten sind doch gesamtgesellschaftlich nur in wenigen Jahrgangsstufen (insbesondere den Abschlussklassen) relevant. Warum nicht in den anderen Jahrgangsstufen vorübergehend darauf verzichten? Wer möchte, könnte zwischendrin an Tests zum eigenen Leistungsstand teilnehmen, um zu entscheiden, ob eine freiwillige Wiederholung sinnvoll ist oder ob im September die nächsthöhere Jahrgangsstufe besucht wird.

Und was ist mit dem Stoff? Wie können wir sicherstellen, dass auch alles behandelt wird, was im Lehrplan steht?

Können wir nicht. Das macht aber fast nichts. Diesem oft auch in den Medien vorgebrachten Einwand liegt die völlig abwegige Vorstellung zugrunde, dass die Köpfe der Schüler*innen wie leere Gefäße sind, in die man von der ersten bis zur 10./12./13. Klasse immer neues Wissen einfüllt, das sich dort beständig ansammelt. In Wahrheit sind diese Köpfe manchmal wie ein Gefäß, häufiger wie ein Schwamm, in der Pubertät manchmal auch wie ein Nudelsieb. Irgendwas bleibt immer hängen, vieles nicht. Prüfungen in Sachfächern wie Geschichte oder Biologie würden bei unangekündigten Wiederholungen ein Vierteljahr später in der Regel desaströse Ergebnisse liefern. Bitte nicht falsch verstehen – das bedeutet keineswegs, dass diese Inhalte nicht relevant wären oder dass es eh egal ist, was wir in der Schule machen (auch wenn ich manches für verzichtbar halte). Der erfolgreiche Besuch der nächsthöheren Jahrgangsstufe hängt aber keineswegs davon ab, inwieweit der Lehrplan des Vorjahres vollumfänglich abgearbeitet wurde – das sehen wir beispielsweise regelmäßig an Schüler*innen, die ein Jahr im Ausland oder ein halbes Jahr auf Reha verbringen und oft dennoch problemlos in der nächsthöheren Klasse wieder einsteigen. Wirklich wichtig sind einige Grundlagen in sehr stark aufeinander aufbauenden Fächern (Sprachen, Mathematik); das müsste man entsprechend herausstellen und ausarbeiten.

Und wer soll das entscheiden, wer in die Schule geht und wer zuhause lernt?

Die Eltern. Im besten Fall gemeinsam mit der Schule; aber im Kern kennen die Eltern ihre Kinder und die eigene Situation am besten und wenn Eltern nicht das Gefühl haben, von Schule bevormundet zu werden, sind die meisten sehr ehrlich zu sich selbst. Wenn es nicht klappt, kann man eine Entscheidung ja revidieren. Und dass es im Bedarfsfall möglich sein muss, eine Jahrgangsstufe ohne negative Konsequenzen („Höchstausbildungsdauer“) wiederholen zu können, ist eh klar.

Wie wahrscheinlich ist es, dass so ein Modell kommt?

Völlig unwahrscheinlich. Ich könnte einen mindestens genau so langen Text wie diesen darüber schreiben, warum das alles nicht passieren wird; aber das würde zu negativ, deshalb lasse ich das. Umso wichtiger war mir, diese Gedanken hier mal aufzuschreiben und ich bin sehr gespannt, ob mir jemand erklärt, warum das alles Quatsch ist.

7 Kommentare

  1. Wow.. bitte diesen Text als Pflichtlektüre im Seminar „Bildungsminister*innen der Länder“ inkl Videokurs mit praktischer Anwendungsübung 😉
    Danke für die brilliante Ausarbeitung.
    Inhaltlich stimme ich völlig zu. Frage mich nur was die richtige Governance für diesen Ansatz wäre. Also auf welcher Ebene sich welche Teams bilden und wie miteinander vernetzen, um das möglich zu machen. Und ob es bereits Organisationsstrukturen gibt die man dafür highjacken könnte (z.B. für schulübergreifende Lehrer*Innenteams)

  2. Weil es mir hier mal wieder auffällt: Warum sprechen so viele von Chancengerechtigkeit und nicht von Chancengleichheit? Was sind denn „gerecht“ ermöglichte Chancen?

    1. Gute Frage; bei mir war die Begriffswahl eine Bauchentscheidung aus zwei Gründen: Gleichheit suggeriert Gleichbehandlung, die ich im Bildungskontext aber aufgrund der heterogen verteilten Privilegien manchmal als ungerecht empfinde. Zudem scheint mir Gleichheit eher ein empirischer Begriff (das müsste man messen können), während Gerechtigkeit eher normativ wirkt. Schon beim ersten Blick in die einschlägigen Artikel zeigt sich mir aber, dass ich die Wahl ohne Kenntnis der jahrzehntelangen Debatte um beide Begriffe getroffen habe; es ist insofern nicht als Positionierung innerhalb der Diskussion dieser Begriffe zu verstehen.

  3. Vuelen Dank, ich mag diese Gedankenspiele, das groß denken und wünsche mir, dass Entscheidungsträger es lesen, daraus lernen und sich inspirieren lassen, danach zu handeln.

  4. Ich finde Ihren Artikel sehr visionär, das ist sehr erfrischend in einer Zeit, in der viele Politiker*innen meinen, „auf Sicht“ fahren zu müssen.
    Mir fehlen hier allerdings in Ihrer Betrachtung die Bedeutung des sozialen (Er-)Lebens der Schüler*innen in der Schule und die Bedeutung der Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen für den Lernprozess einerseits und für die emotionale Unterstützung andererseits. Gerade pubertierende Jugendliche brauchen immer wieder Zuwendung, Ermutigung, Ansporn, Verständnis, Lob oder auch mal Tadel. Ich bin immer wieder mit den Eltern in Kontakt, die ich zum Teil ebenfalls bereits persönlich kenne. Ich kann mir nicht vorstellen, das in gleicher Weise im Distanzunterricht für eine große Gruppe von Schüler*innen leisten zu können, die ich nicht bereits aus der Präsenzzeit kenne – und vielleicht sogar niemals kennenlernen werde.

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