Vernunft, Demut und Zuversicht

Rede zur Zeugnisfeier 2022

Liebe Absolventinnen und Absolventen,
verehrte Ehrengäste,
liebe Eltern und Erziehungsberechtigte, liebe Vertreter des Elternbeirats,
liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wie schön, dass wir heute hier zusammen sind, um gemeinsam am Ende eurer Realschulzeit euren Erfolg zu feiern. Rund 120 Schülerinnen und Schüler sind heuer zur Abschlussprüfung angetreten, fast alle haben bestanden, mehr als ein Viertel davon mit einer Eins vor dem Komma. Dazu gratuliere ich herzlich, ihr könnt stolz auf euch sein und das können natürlich auch die Eltern, die an Erfolgen während der Jahre der Pubertät zumeist einen nicht ganz geringen Anteil haben; vergelt’s Gott für all die Jahre der Unterstützung Ihrer Kinder und unserer schulischen Arbeit.

Ich werde heute eine eher nachdenkliche Rede halten; das erscheint mir dieser momentan verrückten Welt angemessen. Es geht darin um drei etwas aus der Mode gekommene Begriffe, die meiner Meinung nach wieder mehr Wertschätzung verdient haben und die ich euch, liebe Absolventinnen und Absolventen, gerne für euren weiteren Weg ans Herz legen möchte. Sie lauten: Vernunft, Demut und Zuversicht.

„Vernunft“, sagte der Psychoanalytiker Erich Fromm, „ist die Fähigkeit, objektiv zu denken.“

Einen objektiven, realistischen Blick auf die Welt zu bekommen, ist heutzutage gar nicht so einfach. Zwar haben wir in der vernetzten Welt so viele Informationsmöglichkeiten wie nie zuvor; zugleich versuchen aber einerseits werbefinanzierte Algorithmen und andererseits eine Menge Scharlatane und Spinner, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen und zu binden. Zugleich schrumpft in Teilen der Gesellschaft das Vertrauen in Politik und Medien, was soll man, wem soll man noch glauben?

Ein paar objektive Beobachtungen gibt es – leider – durchaus:

Erstens: Die Pandemie ist immer noch da. Auch wenn privat und öffentlich gerade alles gefeiert wird, was geht (wer weiß, wie lange noch), sehen wir doch zugleich den hohen Krankenstand allerorten – Schule macht da keine Ausnahme.

Zweitens: Wohlstand – insbesondere hier in der Region – wird für viele nur noch schwer mit der eigenen Hände Arbeit erreichbar sein. Wer nicht erben kann, hat Pech gehabt?

Drittens: Energiepreise und Inflationsraten klettern auf immer neue Höchststände.

Viertens: Extremwetterereignisse nehmen auf drastische Weise zu.

Und vor allem fünftens: Es ist Krieg in Europa.

Angesichts dieser bedrückenden Bilanz beobachte ich in der Jugend zwei bemerkenswerte Reaktionsweisen:

Der eine Teil sagt: „Die Welt geht ohnehin den Bach runter, also „Carpe Diem“, nutze den Tag, lebe jeden Tag, als sei es der Letzte.“ Party bis zum Abwinken, einen Tornado hinterher, da machen wir uns mal gar keinen Stress und am Ende stimmen alle ein, wenn der DJ dann doch noch die Layla auspackt, trotz oder gerade wegen der öffentlichen Kritik. Auch hier im Tal, insbesondere am Westufer kann man Ähnliches bisweilen beobachten, wenn die Reichen und Schönen sich ein Stelldichein geben.

Der andere Teil bezeichnet sich schon selbst als „die letzte Generation“: Junge Aktivistinnen und Aktivisten, die sich aus Protest gegen die aus ihrer Sicht mangelhaften Bemühungen um den Klimaschutz auf Autobahnen festkleben, um Aufmerksamkeit für die Klimakrise zu erzeugen. In Wahrheit erzeugen sie dabei riesige Staus (und damit noch mehr CO2) und halten andere davon ab, zur Arbeit, zur Familie nach Hause oder zu wichtigen Terminen zu kommen.

Beide Extreme mögen emotional irgendwie verständlich sein; vernünftig sind sie nicht.

Ja, die Sorglosigkeit, in der eure Eltern und auch ich unsere Jugend erleben durften, im festen Gefühl, dass es für uns und die Welt nur einen Weg gibt, nämlich den nach oben, diese Sorglosigkeit vermissen wir im Moment. Wahr ist aber auch, dass die Welt, dass die Menschen schon sehr viele schlimme Krisen erlebt und überstanden haben und an ihnen gewachsen sind.

Wie aber kommt man gut durch so eine krisenhafte Zeit?

Mit ein bisschen Demut.

In euphorischen Momenten des Erfolges erliegt man ja bisweilen der Illusion, die Welt läge einem nun zu Füßen – ich erinnere mich mit Schmunzeln an die Jubelschreie, die aus dem ein oder anderen Klassenraum bei der Bekanntgabe der Prüfungsnoten zu hören waren. Es ist ein schönes Vorrecht der Jugend, sich gelegentlich unwiderstehlich, unübertrefflich, unbesiegbar zu fühlen und man darf und soll diese Momente des Erfolges auch genießen.

Wenn ich aber genau hinschaue, wer von euch am besten abgeschnitten hat, wer die größten Erfolge gefeiert hat – nicht nur an den Schulnoten bemessen -, dann sind es nicht unbedingt diejenigen, die am lautesten zu hören waren oder die sich selbst in den Vordergrund stellen; es sind jene, die ich in den vergangenen Jahren im positivsten Sinn als demütig erlebt habe; auch ihren eigenen Erfolgen gegenüber. Es sind die, die sich oft neben der Schule noch in Vereinen engagieren, im Trachtenverein, im Sport, beim Roten Kreuz, der Feuerwehr oder der Wasserwacht. Die sich nach der Schule um jüngere Geschwister kümmern oder die morgens um 5 Uhr aufstehen und die Tiere versorgen oder die am Wochenende im eigenen Betrieb mitarbeiten. Die, die nicht auf andere herabschauen, weil sie weniger erfolgreich sind, sondern die ihr Wissen bereitwillig teilen und andere dabei unterstützen, auch erfolgreich zu sein.

Demut hat – nach meinem Verständnis des Begriffs – , wer die eigenen Stärken und Schwächen erkennt; wer andere dafür anerkennt, was sie tun; wer immer lernbereit und offen ist; und wer versteht, dass er oder sie ein kleiner Teil eines größeren Ganzen ist.

Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker hat passend dazu den Verstand als vor allem den eigenen Interessen dienend, die Vernunft aber als Wahrnehmung des Gesamtinteresses beschrieben. Und so – nur so – kann nach meiner festen Überzeugung ein erfolgreicher Weg durch die Krise gelingen: Indem wir uns aufrichtig bemühen, unser Bestes geben und dabei stets nicht nur das eigene Wohl, sondern vor allem auch das Wohl der Gemeinschaft im Blick behalten; vernünftig eben und mit der nötigen Demut, die dann nicht meint, sich selbst ohne Not klein zu machen, sondern die uns in der Wertschätzung der anderen selbst menschliche Größe verleiht.

Und wenn wir so handeln, wenn wir so nach dem Guten streben, dann dürfen wir – allen Herausforderungen zum Trotz – auch zuversichtlich sein. Zuversicht, das ist die feste innere Überzeugung, dass die Dinge sich positiv entwickeln werden.

Auch wenn die Welt euch nicht zu Füßen liegt, sie steht euch offen! Sie lädt euch ein, hinauszugehen, Erfahrungen zu sammeln, euch zu engagieren, Misserfolge zu erleben, daran zu wachsen und Erfolge zu feiern.

Mit dem Realschulabschluss öffnen sich für euch viele Türen. Und ganz egal, ob ihr über die weitere schulische Ausbildung noch höhere Abschlüsse anstrebt oder ob ihr euch für eine Ausbildung entschieden habt: Wenn ihr das beherzigt, was wir versucht haben, euch mit dem Motto dieser Schule in den vergangenen vier, fünf, sechs oder sieben Jahren mitzugeben: „Gemeinsam sind wir stark!“ – Wenn ihr euch das zu Herzen nehmt, dann bin zumindest ich voller Zuversicht und ich hoffe, ihr seid und Sie sind es auch – dann geht hier heute ein Abschlussjahrgang hinaus in die Welt, der ja in den vergangenen Jahren bereits bewiesen hat, dass er krisenfest ist, dass wir hier junge Menschen vor uns haben, denen wir diese Welt voll Zuversicht anvertrauen können.

Es waren spannende, außergewöhnliche, und ganz überwiegend schöne Jahre mit euch. Danke, dass wir euch ein Stück eures Weges begleiten durften – ich bin sehr gespannt, wohin euch eure Wege führen, freue mich darauf, von euch zu hören (wir bleiben ja hier, während ihr weiterzieht) und ich wünsche euch dafür von Herzen nur das Beste, immer das nötige Quäntchen Glück und viel Erfolg!

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