Corona-Tagebuch #11 | 18.05. – 31.05.

Wieder zwei Wochen Corona-Schule geschafft.

Ab 18. Mai waren mit den 5. und 6. Klassen nun zwei Drittel der Realschüler*innen an einzelnen Tagen wieder in der Schule. Und dass es grundsätzlich (aus pädagogischer Perspektive, epidemiologisch kann ich das nicht beurteilen) eine gute Entscheidung war, trotz einer gewissen Grundunsicherheit in den Präsenzunterricht breit wieder einzusteigen, zeigt eine Umfrage, die wir nach den ersten Unterrichtstagen bei den Eltern der Jahrgangsstufen 5, 6 und 9 durchgeführt haben:

In den Rückmeldungen der Eltern wird aber auch deutlich, dass die Anspannung steigt: Mit dem Wiederbeginn der Präsenzbeschulung in den geteilten Klassen sinken die zeitlichen Ressourcen der Lehrkräfte für den begleitenden Fernunterricht. Einige Eltern melden zurück, dass es gleichzeitig schwieriger wird, die Kinder zum Onlinelernen zu motivieren. Und obwohl nach wie vor sehr viel Verständnis für die schulische Situation besteht, hätten sich fast alle Eltern mehr Präsenzunterricht gewünscht.

Wie kann eine sinnvolle Verzahnung der beiden Unterrichtsformen aussehen? Bisher habe ich noch keine gute Antwort: Manche Lehrkräfte sind nun mit ihrer vollen Stundenzahl im Präsenzunterricht, andere halten ihren kompletten Unterricht noch online; alle Abstufungen dazwischen sind im Kollegium ebenso vertreten. Eigentlich bräuchten wir im Moment so viele Konzepte wie wir Lehrkräfte an der Schule haben.

Grundsätzlich würden mir spontan drei Möglichkeiten einfallen:

  • Streaming der Präsenzstunden für den Klassenteil zuhause (Offene Fragen u.a.: Datenschutz, Aufnahmeequipment, Bandbreite im Upstream aus der Schule heraus)
  • Flipped Classroom: Die Lerninhalte werden zu Hause erarbeitet und im Präsenzunterricht vertieft und eingeübt
  • Klassisches Unterrichten: Die Lerninhalte werden in der Schule eingeführt und in der Woche zu Hause vertieft und geübt

Während der Pfingstferien möchte ich darüber weiter nachdenken und dann werden wir entscheiden müssen, ob es sinnvoll ist, einen Weg vorzugeben oder ob (was ich eher glaube) wir verschiedene Szenarien nebeneinander stehenlassen, dabei aber jeweils gewisse Mindeststandards aufstellen und vor allem Transparenz und Rhythmus gegenüber Eltern und Lernenden aufzeigen müssen. Wovon ich wenig halte, ist die Zusammenlegung ganzer Jahrgänge zu Lerngruppen in einem Fach, die dann von einer Lehrkraft gleiches Material und Aufgaben erhalten. Das wäre zwar aus personalplanerischer Sicht sehr ökonomisch, würde aber letztlich zum Vorlesungsbetrieb oder – noch problematischer – zur reinen Materialschleuder werden, da eine Lehrkraft unmöglich über einhundert Schüler*innen einer Jahrgangsstufe individuell Unterstützung und Feedback geben könnte; zumal die Lehrkraft ja den größten Teil gar nicht kennen würde.

Am 27.05. erscheint im Münchner Merkur ein Kommentar von Dirk Walter. Der Verfasser hat sein Ohr sehr nahe an den Schulen und so kann ich vielem zustimmen, was er schreibt.

Diese Gereiztheit war in den vergangenen zwei Wochen immer wieder spürbar, da mit dem nahenden Schuljahresende Themen in den Vordergrund drängen, bei denen es um viel geht: Übertritt, Probeunterricht, Notenbildung, Zeugnisse, Abschlussprüfungen, Versetzung und Sitzenbleiben. Aus den Rückmeldungen der Eltern, aber auch in Gesprächen mit dem Kollegium wird deutlich, dass die Nerven bei vielen angespannt sind, bei manchen auch blank liegen. Eltern fürchten (meines Erachtens zu unrecht) um den Abschluss ihrer Kinder, Kolleg*innen sehen sich von den vielfältigen Anforderungen unter Druck gesetzt und auch in der Politik gibt es ein stetes Ringen um den richtigen Weg. Am besten kommen nach meiner Wahrnehmung noch die meisten Schüler*innen mit der Situation zurecht; in den Gesprächen in der Schule wirken sie recht entspannt, finden die Situation zwar irgendwie eigenartig, aber freuen sich, ihre Freunde wiederzusehen und wieder in die Schule zu kommen. Und dass der Kultusminister erklärt, dass es für die meisten keine verpflichtenden Leistungsnachweise in diesem Schuljahr mehr geben soll, ist für die Jugendlichen durchaus auch eine positive Botschaft. Von dieser kindlichen Gelassenheit und Zuversicht sollten wir uns wohl inspirieren lassen, wenn wir dieses Schuljahr gut zu Ende bringen wollen.

Dass manche Medienvertreter die angespannte Stimmung nutzen, um auf dem Rücken von Eltern und Lehrkräften Quote zu machen (zum Beispiel Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ am 25.05) ist verständlich, hilft aber im Ergebnis weder den Eltern noch den Schulen. Freilich sollte man solchen Auswüchsen gelassen gegenüber stehen; daran arbeite ich noch.

Was war sonst noch?

Offenbar wird in der Politik damit gerechnet, dass es noch länger dauern könnte, bis alle Schüler*innen wieder normal zur Schule gehen können. 500 Millionen Euro stellt der Bund deshalb bereit, damit Schulen kurzfristig Geräte beschaffen, die als Leihgabe in die Familien gehen sollen. 78 Millionen Euro stehen in Bayern zur Verfügung und die Mittelzuweisung an die Sachaufwandsträger ist tatsächlich in Rekordzeit rausgegangen. Trotzdem darf man wohl nicht hoffen, dass diese Geräte kurzfristig an den Schulen ankommen: Zum einen sind Vergabeverfahren beim Überschreiten bestimmter Grenzsummen (zeit)aufwändig, zum anderen sind wegen Corona die Lieferketten nach Asien unterbrochen und digitale Endgeräte in größeren Mengen im Moment schwer bis gar nicht zu bekommen. Wir warten zum Beispiel noch auf 55 Notebooks, die eigentlich schon im April hätten geliefert werden sollen, nach unserem Kenntnisstand aber bei HP noch gar nicht produziert sind. Einstweilen erhalten wir weiter gespendete Geräte, die wir zur Ausleihe für die Schüler*innen aufbereiten:

Dann ist in der Verbandszeitschrift des Bayerischen Realschullehrerverbands ein Artikel von mir erschienen:

Anmeldung für die 5. Klasse: Lief heuer kontaktlos ab. Weitgehend analog, weil das Übertrittszeugnis im Original vorgelegt werden muss und auf den Anmeldeformularen die Originalunterschrift drauf sein muss. Das hat alles recht reibungslos funktioniert, trotzdem könnte man das durch den klugen Einsatz digitaler Tools noch viel eleganter machen. Zum Beispiel so:

Probeunterricht: Fand trotz kritischer Stimmen ebenfalls weitgehend normal statt. Im Vergleich zu den Vorjahren spielte nach meinem Eindruck die Frage, welche Aufgaben nicht bewertet werden dürfen, weil die Themen an der Grundschule nicht behandelt wurden, eine größere Rolle; es wäre interessant zu wissen, ob wirklich mehr Themen nicht behandelt wurden oder ob die Eltern wegen der Rahmenbedingungen aufmerksamer darauf geachtet haben. Wahrscheinlich beides.

MS Teams: Die Ankündigung, Teams für alle weiterführenden Schulen zur Verfügung zu stellen, erzeugt neben manch kritischer Stimme viel Interesse und Fortbildungsbedarf. Lehrkräfte und Schulleitungen, die mit Teams schon Erfahrung haben, sind als Referent*innen sehr gefragt. Kollege @MiBWitt hatte die Ehre, direkt nach dem Minister bei der Auftaktveranstaltung vor über 1000 Schulleitungsmitgliedern als technischer Experte aufzutreten; daneben zeigen wir in kleineren Formaten vielen interessierten Kolleg*innen die Umsetzung unseres digitalen Schulhauses. Sowas macht immer viel Spaß, aber auch viel Arbeit.

Vollzug des Gesetzes zum Schutz vor Masern und zur Stärkung der Impfprävention: Wir müssen bei allen neu angemeldeten Schüler*innen den Masern-Immunstatus prüfen. Außerdem kam jetzt kurzfristig noch die Anweisung, dass dieser Status auch bei allen Lehrkräften überprüft werden muss, die eine Versetzung anstreben, weil die Überprüfung „einrichtungsbezogen“ stattfindet, weswegen jeder „Einrichtungswechsel“ die Notwendigkeit einer solchen Überprüfung mitbringt. Die damit verbundene Mehrbelastung, die von manchen Verbandsvertretern kritisch gesehen wird, finde ich gar nicht in erster Linie problematisch, so viel Aufwand ist das nicht. Ich empfinde bei der Aufgabe eher ein Unbehagen, weil ich beim Blick ins Impfbuch einer Lehrkraft oder eines Kindes das Gefühl habe, in einen Bereich Einblick zu nehmen, der privat ist, der mich eigentlich nichts angeht. Von daher wäre ich nicht unglücklich, wenn wir diese Aufgabe mittelfristig wieder loswerden würden.

Und das war auch noch:

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