Was alles fehlt | Corona-Tagebuch #21

13.12. – 22.12.2020 | Ein Schulleiter-Blog

Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Das war mit Abstand der absurdeste Jahresausklang an der Schule, den ich in meinen Dienstjahren erlebt habe. Normalerweise ist die Vorweihnachtszeit ja bekanntlich ohnehin an einer Schule alles andere als staad und besinnlich, aber dieses Jahr stolperte man von einem Chaos ins nächste.

schreibt Herr Mess in seinem Blog

Das Hin und Her um die Schließung der Schulgebäude, vorgezogene Weihnachtsferien, Distanzunterricht oder Distanzlernen hat ziemlichen Wirbel verursacht; die Kollegen Herr Mess und Herr Rau haben das trefflich zusammengefasst, dann muss ich das nicht auch noch machen. Ich fand es vor allem schade, dass wir unser Konzept für die Übertragung eines recht normalen Schulalltags in den Unterricht auf Distanz nicht unter Echtbedingungen testen konnten; da hätten wir bestimmt was draus gelernt, was uns vielleicht im Januar schon nützlich gewesen wäre. Das Feedback der Lehrkräfte war dann auch eindeutig: Der verbindliche Distanzunterricht in den 10. Klassen hat ganz gut geklappt; das freiwillige Distanzlernen in den Jahrgangsstufen 5 und 6 auch und je weiter es dann in die Mittelstufe geht, umso geringer war die Beteiligung. Ein Kollege hat es im Lehrerchat so auf den Punkt gebracht:

„Einige bearbeiten die Aufgaben sehr fleißig und zeitnah, erwartungsgemäß sind die, die es am dringendsten bräuchten, wohl noch im Bett.“

Im Rückblick glaube ich, dass wir das meiste ganz gut hingekriegt haben, in diesem verrückten Jahr. Und wir konnten sogar den ein oder anderen Erfolg feiern, das ist auch gut für die Moral. Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Landtagspräsidentin sich am Tag der Lockdown-Sondersitzung Zeit nimmt, zu uns in eine Video-Feierstunde zu kommen, wie am letzten Dienstag geschehen.

Bei der gestrigen Konferenz zum Jahresrückblick gab es dann auch viel positives Feedback. Wir haben einiges gelernt, in der Sache (vor allem im Bereich Technik und Digitales), aber auch, dass wir als Schulgemeinschaft in der Krise stabil bleiben. Trotzdem war das mit Blick auf die Schule ein Kackjahr: Schule beschränkte sich über weite Teile des Jahres auf Unterricht, Abstand halten, Händewaschen, Prüfungen schreiben. Fast alles, was Schule lebendig, bunt und zum Lebensraum macht, konnte nicht oder nur eingeschränkt stattfinden. Vor zwei Jahren habe ich im Vorwort zum Jahresbericht das hier geschrieben:

Erfolgreicher Unterricht, der den Jugendlichen einen guten Start in ein gelingendes Leben ermöglicht, der zeitgemäß ist und der – im Rahmen des Möglichen – individuell Stärken fördert und auf Schwächen eingeht, das ist die Pflicht, das dürfen Erziehungsberechtigte, Schülerinnen und Schüler und auch die Gesellschaft von Schule erwarten. Die Kür, das Besondere, das, was am Ende der Schulzeit in Erinnerung bleibt, sind aber die Projekte und Aktionen, die Fahrten und Exkursionen, gemeinsame Feste, Konzerte und Theateraufführungen.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Begegnungen und Erlebnisse, die außerhalb des Pflichtunterrichts stattfinden, wenn wir gemeinsam in den Wahlfächern unsere Interessen verfolgen, wenn Jugendliche auf der Bühne strahlen, wenn wir gemeinsam Sport treiben oder die Welt entdecken, einen ganz wesentlichen Anteil an gelingender Bildung haben. Und es macht mich tieftraurig, wenn ich darüber nachdenke, was alles nicht erlebt wurde:

Fahrten nach Taizé, Straßburg, England, in die Provence, Theaterprobentage, Theateraufführungen, Schulkonzerte, Unterricht in den Chorklassen, Gottesdienste, Schulversammlungen, Proben des Eltern-Lehrer-Chors, Tage der Orientierung, Ausbildungstour, Berufsorientierungstage, Kennenlerntage der 5. Klassen, Exkursionen und Museenbesuche, Studienfahrten der 10. Klasse, der Abschlussball, Geschichtstage Regensburg, Betriebspraktika, Adventsmarkt, Weihnachtsfeier, Sportunterricht, Kollegiumswochenende, Kinoabende, …

Mit Schüler*innen unterwegs – hier in Taizé

Wir dürfen uns nicht an die Schule gewöhnen, wie sie gerade ist. All diese Aktivitäten (und noch viel mehr), die unseren normalen Schulalltag durchziehen, machen ja nicht nur Freude, sondern auch viel Arbeit. Und es ist ganz erstaunlich, was man an Inhalten wegunterrichtet bekommt, wenn man nicht ständig von irgendwelchen Aktionen unterbrochen wird. Aber das ist nicht meine Art Schule. Ich will eine Schule, die lebendig, bunt, fröhlich und gern auch ein bisschen chaotisch ist, mit echten Erlebnissen und Begegnungen zwischen Menschen, die gemeinsame Erfahrungen machen. Und deshalb bleibt am Ende dieses Jahres auch mehr Melancholie über all das, was nicht erlebt wurde und weniger die Freude über das, was wir geschafft haben.

Aber auch: Der Wille, sich nicht damit abzufinden. Wenn die Pandemie uns noch ein bisschen erhalten bleibt (und es sieht ja alles danach aus), dann werden wir ihr so viel Fröhlichkeit und Buntheit abtrotzen, wie wir können. Schule muss leben – dann eben digital und auf Distanz.

2 Kommentare

  1. Bin über Twitter auf den/die Artikel gestoßen … und begeistert von dem was und wie sie berichten über die Schule und Herzensthemen.
    Das wünsch ich mir und meinen Kindern.
    Viele Grüße und weiterhin viele Energie
    Markus Aberle

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